Still!

 

Hinaus gehen in den Wald, statt zum Therapeuten? Kann die Stille des Waldes wirklich helfen?

Es erscheint uns sicher manchmal einfach zu simpel, wenn wir den Rat bekommen, doch mal wieder in den Wald zu gehen. Allein. Ohne Hund. Ohne Partner. Ohne das omnipräsente Handy. Stille erleben, fühlen, in sich selbst hinein horchen. Das eigene Herz spüren, den Puls wahrnehmen. Selbst in unseren Wäldern ist dies nur eingeschränkt möglich; zu nah ist der Straßenverkehr, die Flugzeuge über uns. Aber wir können den Pegel herunterfahren, dem übersteuerten  Gehirn eine kleine Pause gönnen. Einen einzelnen Vogel zwitschern hören. Die letzten welken Blätter an den winterkahlen Bäumen rascheln hören. Oft ist in meinem Kopf ein leichtes Piepen, wenn ich dem Weg in den Langen Grund im Deister hinunter gehe. Dorthin dringen  kaum Verkehrsgeräusche und mein Gehirn muss sich erst einjustieren auf die Ruhe. Denn Ruhe ist es, die ich dort unten erfahre. Stille ist es nicht, denn es sind ja immer Geräusche da.

Unseren Hörsinn können wir nicht abschalten, er ist immer auf Empfang. Wenn wir einmal nichts mehr sehen möchten, halten wir uns die Augen zu. Die Ohren zuhalten funktioniert nur bedingt; ganz abschirmen lassen sich die Außengeräusche nicht, und schon gar nicht die von innen kommenden.

” Still jetzt….” , bitte ich die Waldkinder jeden Tag im Morgenkreis, wenn wir uns an die Hände fassen, um uns zu begrüßen . Ganz leise wird es dann und wir lauschen gemeinsam auf die Stimmen des Waldes. So kommen wir an, switchen um und schlüpfen zusammen in den Wald-Tag. Mittags beim Abholen dann ist sie wieder präsent, die Umwelt mit Terminen, Verpflichtungen und Zwängen selbst bei den Kindern schon. Turnen, Klavierunterricht, Schwimmkurs. ” Möchtet Ihr nächste Woche Donnerstag zusammen spielen?” Das können die Kinder doch jetzt noch nicht wissen. Was ist nächste Woche Donnerstag? Mit wem mag ich dann spielen? Wie geht  es mir nächste Woche? Da bleibt weniger Raum für spontane soziale Kontakte und Spielsituationen. Statt dessen schon Terminplanung. Erfreulicherweise sind aber die meisten   Eltern  trotzdem so flexibel, dass sie auf die zeitnahen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und ihren Wünschen entsprechen können. Darüber bin ich froh. Aber es wird immer schwieriger, denn das von der Politik und Wirtschaft durchaus gewollte Familienmodell sieht vor, dass beide Elternteile dem Arbeitsmarkt möglichst früh wieder zur Verfügung stehen. Viele Eltern möchten oder müssen dies mittlerweile auch. Das schränkt die zeitlichen Möglichkeiten natürlich ein. Dann ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt und ich wähle bewusst diese Reihenfolge. Es ist häufig leider ein erwachsenenfreundliches Modell, an den Bedürfnissen der Kinder vorbei, wie ich finde und erlebe.

Aber zurück zur Ruhe, zur Stille. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich Mühe habe sie zu ertragen. Zu sehr ist mein Gehirn schon auf Dauerbeschallung gepolt. Sowie es ruhig ist, muss Ablenkung her. Sonst wäre ich ja zu sehr bei mir. Zu konkret auf mich reduziert, müsste meine Gedanken “hören” und mich mit ihnen auseinandersetzen. Neulich las ich einen Spruch:” Nachdenken ist wie Schaukeln; man hat etwas zu tun, kommt aber nicht wirklich weiter”. Das sehe ich anders. Dort unten im Langen Grund wird der Kopf klar beim Nachdenken. Es entsteht Kreativität, es kommen Ideen. Verstrickungen entwirren sich. Die Ruhe bringt Erkenntnisse; Gedanken können fliessen. Tief einatmen. Der Atemrythmus normalisiert sich. Atmen wird wieder bewusst erlebt. Oft sind wir einfach nur noch atemlos und aus dem Gleichgewicht. Gerade paradoxerweise jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Vieles können wir selbst heilen, wir müssen es uns nur erlauben und uns Zeit dafür nehmen. ” Ich habe keine Zeit” ist ein häufig getätigter Ausspruch. Doch die Zeit ist da, es liegt nur an uns, wie und wofür wir sie nutzen. Langeweile darf nicht sein, dabei ist sie etwas unglaublich wichtiges. Aus Langeweile entsteht Kreativität, in Gedanken und in Taten. Langeweile ist das Herunterfahren und neu Hochfahren. Es erlaubt uns ein Innehalten und neu beginnen. Der Wald, die Natur kann uns dabei helfen. Dort bekommen wir alles, was wir brauchen. Vogelgezwitscher inklusive.

Wenn der Weg von der Talsohle dann  hinaufführt an den Deisterrand bin ich wieder bereit für Hundegebell, Strassenlärm, Kindergeschrei , Musik und Kommunikation.

Es kann weitergehen!

Eure Waldtochter