Die magische Welt

Sicher jedem ist im Zusammenhang mit der kindlichen Entwicklung der Begriff“ Magisches Denken“ oder „ Magische Welt“ bekannt. In dem Beitrag „Amanita Muscaria- der Glücksbringer“ habe ich versprochen darauf einmal näher einzugehen.

Das Kind ist in den ersten Lebensjahren ein einziges großes Sinnesorgan. Es ist auf dem Weg Gehen, Sprechen und Lernen zu üben und auszubilden. Für diese Grundkompetenzen sind wir Erwachsenen als Begleiter unendlich wichtig. Kleine Kinder beobachten uns sehr genau und ihre wichtigste Tätigkeit überhaupt ist das Nachahmen. Sie achten nicht so sehr darauf, was wir ihnen sagen, sondern wie wir es sagen. Unsere Gestik, unsere Mimik und die Tatsache, ob wir dabei authentisch sind ist immens wichtig für die gesunde kindliche Entwicklung. Sind wir dem Kind freundlich zugewandt und nehmen uns Zeit, so ist dies der Grundstein für sein weiteres Leben. Die Inhalte unseres Sprechens haben erst viel später eine Wichtigkeit, nämlich dann, wenn sich das Kind auf den Weg zur Schule macht. Dies ist idealerweise zwischen dem sechsten und siebenten Lebensjahr der Fall.  Dann erst sind die Kinder bereit die magische Welt zu verlassen und zu lernen; sie sind allmählich sozial und emotional bereit dies zu tun. Darum finde ich es auch nicht gut , dass das Einschulungsalter immer früher angesetzt wird. Mittlerweile sind Kinder , die bis zum 30. September  sechs Jahre alt geworden sind, schulpflichtig. Sie beginnen gerade die Kompetenzen auszubilden, die für den Schulbesuch nötig sind und bekommen immer weniger Zeit dafür.Hier könnten wir Erziehenden eingreifen und unser Bestreben sollte es sein diese Fehlentwicklung wieder in eine richtige Richtung zu führen. An welcher Stelle auch immer, sei es in der Politik oder in schulischen Gremien können wir Stellung für unsere Kinder beziehen.

Die Jahre der Kindergartenzeit sind bei den Kindern geprägt vom magischen Denken. Alles was geschieht und ihnen wiederfährt, ist eng verknüpft mit ihrem inneren Seelenleben und ihrer Vorstellungskraft. Es gibt Hexen und Zauberer und das Kind ist sicher, dass es durch sein Verhalten selbst beeinflusst ob sie erscheinen. Es glaubt, der Stein sei ihm in den Schuh gelaufen, der Baum , an dem es sich den Fuß gestoßen hat , ist böse auf ihn oder es regnet, weil der Himmel weint.

Alles bezieht das Kind auf sich, weil es sich untrennbar mit der Welt verbunden fühlt. Diese Verbindung geht im Laufe der Jahre immer weiter verloren und wir Erwachsenen täten gut daran, wenn wir uns diese Fähigkeit ein wenig bewahren würden. Sicher sähe unsere Welt dann ein wenig anders aus.

Wir als Bezugspersonen, als Eltern, Erzieher, Lehrer sind der wichtigste Anker der Kinder in dieser magischen Zeit. Wir nehmen sie ernst, trösten sie, wenn sie Angst haben und ermutigen sie eigene Erfahrungen zu machen und neue Fertigkeiten zu erlernen. Unmittelbar erlebt und nicht aus zweiter Hand, wie beispielsweise durch das Fernsehen sollte dies stattfinden. Nur so kann sich die Fantasie entfalten und die Bildungs- und Gestaltungskräfte des Kindes können wirken. Hierzu ist es von Bedeutung, dass die Spielsachen oder Materialien, die dem Kind zur Verfügung stehen, möglichst „ unfertig“ sind. Also lieber Knete, ein Stück Bienenwachs , ein paar Stöckchen oder auch Bauklötze statt fertiger Spielfiguren oder Gegenstände, deren Verwendungszweck vorgegeben, eingegrenzt und eindimensional ist. Je mehr Gestaltungsspielraum das Kind hat und je mehr es sich in seinem Tun bestätigt und ermuntert fühlt, desto sicherer wird es später im Leben stehen können.

In der magischen Welt der Kinder spielen auch Märchen eine zentrale Rolle. Märchen, die wir ihnen vorlesen oder noch besser erzählen. „ Es war einmal….“ ist für die Kinder im Hier und Jetzt und passiert gerade. Alle elementaren Gefühle des Menschen werden in Märchen angesprochen. Angst , Wut, Glück, Traurigkeit… alles ist enthalten. Märchen zeigen ihnen,dass es viele Helfer in der Welt gibt ( zum Beispiel die gute Fee oder ein Tischchen , das sich von selbst deckt), dass sie nicht alleine sind und noch große Kräfte und Fähigkeiten auch in ihnen selbst stecken. Und wir brauchen keine Sorge haben, dass die Märchen beispielsweise der Gebrüder Grimm zu grausam seien für unsere Kinder. Sie selbst sehen kein Blut vor sich, wenn Rumpelstilzchen sich entzwei reißt und die Hexe, die im Ofen verbrennt, symbolisiert die Gerechtigkeit, die schlussendlich gesiegt und Hänsel und Gretel befreit hat. In dem Märchen selbst gibt es keine Ausschmückungen von Grausamkeiten, es ist die Fiktion von uns Erwachsenen, die diese Bilder hinzufügt. Kinder spüren aber diese zusätzlichen Spannungen, die wir in die Erzählungen hineintragen.

Kinder dürfen auch mal Ängste haben. Dies ist von großer Bedeutung für ihre Entwicklung. Wichtig ist nur, dass wir sie in ihren Ängsten ernst nehmen und für sie da sind, um sie zu halten und sie zu trösten, bis es wieder heller wird. Hiermit erwecken wir ein Urvertrauen in ihnen, das ihnen helfen wird, Mensch zu werden.

Herzlichst,

Eure Waldtochter