Tonscherben auf dem Mist, oder: Geschichte zum Anfassen.

In meinem Beitrag ” Schätze auf dem Stoppelfeld” habe ich Euch  erzählt von Keramikscherben, die die Waldkinder von Zeit zu Zeit in den Ackerfurchen am Deisterrand finden. Woher stammen sie? Und wie gelangten sie auf die Felder? Um solche Fragen zu klären, nehme ich ein Buch in die Hand um es herauszufinden. Häufig dann im Anschluß das Telefonbuch. Denn dann rufe ich jemanden an, der sich besser damit auskennt als ich. In diesem Fall eine Keramikrestauratorin, die auch eine ehemalige Waldmutter ist und aktiv das Museum in Bad Münder mitgestaltet. Vor einigen Jahren gab es dort eine Sonderausstellung ” Von Pottland in die ganze Welt”. Ich war mir sicher, sie kann uns etwas über unsere Scherben erzählen. Deshalb machte ich mich gemeinsam mit den Vorschulkindern auf den Weg in die Stadt; im Gepäck unsere Fundstücke.

Wir breiteten diese auf dem großen Museumstisch aus und Monika war begeistert. Zum größten Teil hatten wir Scherben gefunden, die von Töpferwaren aus münderscher Produktion stammten. Was Ton ist, wussten die Kinder, denn wir hatten erst vor kurzem selbst getöpfert im Waldkindergarten.

Eine der Scherben  konnte die Keramikrestauratorin sogar einem Gefäß aus dem Mittelalter, einer Art Milchschale zuordnen. Wie toll! Eine weitere entpuppte sich als Teil eines Standbeines einer sogenannten Kochgrape, dem damaligen Kochgeschirr.

Wir waren erstaunt und begeistert. Nachdem wir uns das große Wandrelief angeschaut hatten, auf dem der Fundort einer größeren Tongefäßmenge dargestellt war, gingen wir gemeinsam zum Bürgerhaus  hinüber

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Hier handelt es sich um ein vom Museum aufgekauftes , 1752 erbautes Fachwerkhaus. Es wurde mit großer Liebe zum Detail von engagierten Museumsmitarbeitern in den Zustand um 1880 zurück versetzt, als ein Schuster mit seiner Mutter und Schwester dort lebte. Hier wollten wir dem Geheimnis der Scherben von den Feldern auf die Spur kommen.

Die Kinder konnten die alte Räucherküche mit der offenen Feuerstelle anschauen; sie erfuhren, dass auch der Stall für die Kuh mit ins Haus integriert war. Sie sahen die Schlafstube, zu der man über eine steile Treppe gelangte und sie tappten fast in das Fettnäpfchen, das unter dem aufgehängten Schinken in der Diele steht.

Richtig interessant wurde es dann auf dem Hinterhof des Hauses. Dort befindet sich das Plumpsklo über dem Misthaufen. Erstaunt stellten die Kinder fest, dass es zur Zeit des Schusters noch kein Klopapier gab und stattdessen ein Körbchen mit Heu bereit stand.

Neben dem Klo dann der Misthaufen, auf dem damals alles landete, was nicht mehr gebraucht wurde; unter anderem auch kaputte Schalen, Tassen oder Teller. Zweimal im Jahr brachte man diesen Mist mit Karren dann auf die Felder rund um die Stadt und somit war klar: wir hatten die Antwort auf unsere Frage gefunden.

Ich bin sicher: diesen Teil Geschichte unserer Stadt werden die Kinder verinnerlicht haben, denn sie war zum Anschauen und Anfassen. Sie haben auf diese Weise Gelegenheit bekommen die geschichtlichen Zusammenhänge ganz plastisch zu erfahren. So geht Geschichte, zumindest dann, wenn man noch nicht lesen und schreiben kann. Sich gemeinsam auf die Suche machen, Orte besuchen und Menschen befragen; so möchte ich den Kindern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie  Wissen über ihren Lebensraum und dessen Geschichte bekommen.

” Museum habe ich mir aber ganz anders vorgestellt”, so sagte eines der 5- jährigen Mädchen. Wie, das wollte sie nicht sagen. Vielleicht konnte sie das auch nicht, weil da ganz andere Bilder in ihrem Kopf gewesen waren und nun erstmal verknüpft werden mussten mit dem gerade Erlebten. Es ist so spannend die Kinder dabei begleiten zu dürfen. Ich freue mich schon auf unsere nächste Entdeckung und den ganz natürlichen Forscherdrang der Kinder, den ich gern unterstütze!

Eure Waldtochter

 

 

Die magische Welt

Sicher jedem ist im Zusammenhang mit der kindlichen Entwicklung der Begriff“ Magisches Denken“ oder „ Magische Welt“ bekannt. In dem Beitrag „Amanita Muscaria- der Glücksbringer“ habe ich versprochen darauf einmal näher einzugehen.

Das Kind ist in den ersten Lebensjahren ein einziges großes Sinnesorgan. Es ist auf dem Weg Gehen, Sprechen und Lernen zu üben und auszubilden. Für diese Grundkompetenzen sind wir Erwachsenen als Begleiter unendlich wichtig. Kleine Kinder beobachten uns sehr genau und ihre wichtigste Tätigkeit überhaupt ist das Nachahmen. Sie achten nicht so sehr darauf, was wir ihnen sagen, sondern wie wir es sagen. Unsere Gestik, unsere Mimik und die Tatsache, ob wir dabei authentisch sind ist immens wichtig für die gesunde kindliche Entwicklung. Sind wir dem Kind freundlich zugewandt und nehmen uns Zeit, so ist dies der Grundstein für sein weiteres Leben. Die Inhalte unseres Sprechens haben erst viel später eine Wichtigkeit, nämlich dann, wenn sich das Kind auf den Weg zur Schule macht. Dies ist idealerweise zwischen dem sechsten und siebenten Lebensjahr der Fall.  Dann erst sind die Kinder bereit die magische Welt zu verlassen und zu lernen; sie sind allmählich sozial und emotional bereit dies zu tun. Darum finde ich es auch nicht gut , dass das Einschulungsalter immer früher angesetzt wird. Mittlerweile sind Kinder , die bis zum 30. September  sechs Jahre alt geworden sind, schulpflichtig. Sie beginnen gerade die Kompetenzen auszubilden, die für den Schulbesuch nötig sind und bekommen immer weniger Zeit dafür.Hier könnten wir Erziehenden eingreifen und unser Bestreben sollte es sein diese Fehlentwicklung wieder in eine richtige Richtung zu führen. An welcher Stelle auch immer, sei es in der Politik oder in schulischen Gremien können wir Stellung für unsere Kinder beziehen.

Die Jahre der Kindergartenzeit sind bei den Kindern geprägt vom magischen Denken. Alles was geschieht und ihnen wiederfährt, ist eng verknüpft mit ihrem inneren Seelenleben und ihrer Vorstellungskraft. Es gibt Hexen und Zauberer und das Kind ist sicher, dass es durch sein Verhalten selbst beeinflusst ob sie erscheinen. Es glaubt, der Stein sei ihm in den Schuh gelaufen, der Baum , an dem es sich den Fuß gestoßen hat , ist böse auf ihn oder es regnet, weil der Himmel weint.

Alles bezieht das Kind auf sich, weil es sich untrennbar mit der Welt verbunden fühlt. Diese Verbindung geht im Laufe der Jahre immer weiter verloren und wir Erwachsenen täten gut daran, wenn wir uns diese Fähigkeit ein wenig bewahren würden. Sicher sähe unsere Welt dann ein wenig anders aus.

Wir als Bezugspersonen, als Eltern, Erzieher, Lehrer sind der wichtigste Anker der Kinder in dieser magischen Zeit. Wir nehmen sie ernst, trösten sie, wenn sie Angst haben und ermutigen sie eigene Erfahrungen zu machen und neue Fertigkeiten zu erlernen. Unmittelbar erlebt und nicht aus zweiter Hand, wie beispielsweise durch das Fernsehen sollte dies stattfinden. Nur so kann sich die Fantasie entfalten und die Bildungs- und Gestaltungskräfte des Kindes können wirken. Hierzu ist es von Bedeutung, dass die Spielsachen oder Materialien, die dem Kind zur Verfügung stehen, möglichst „ unfertig“ sind. Also lieber Knete, ein Stück Bienenwachs , ein paar Stöckchen oder auch Bauklötze statt fertiger Spielfiguren oder Gegenstände, deren Verwendungszweck vorgegeben, eingegrenzt und eindimensional ist. Je mehr Gestaltungsspielraum das Kind hat und je mehr es sich in seinem Tun bestätigt und ermuntert fühlt, desto sicherer wird es später im Leben stehen können.

In der magischen Welt der Kinder spielen auch Märchen eine zentrale Rolle. Märchen, die wir ihnen vorlesen oder noch besser erzählen. „ Es war einmal….“ ist für die Kinder im Hier und Jetzt und passiert gerade. Alle elementaren Gefühle des Menschen werden in Märchen angesprochen. Angst , Wut, Glück, Traurigkeit… alles ist enthalten. Märchen zeigen ihnen,dass es viele Helfer in der Welt gibt ( zum Beispiel die gute Fee oder ein Tischchen , das sich von selbst deckt), dass sie nicht alleine sind und noch große Kräfte und Fähigkeiten auch in ihnen selbst stecken. Und wir brauchen keine Sorge haben, dass die Märchen beispielsweise der Gebrüder Grimm zu grausam seien für unsere Kinder. Sie selbst sehen kein Blut vor sich, wenn Rumpelstilzchen sich entzwei reißt und die Hexe, die im Ofen verbrennt, symbolisiert die Gerechtigkeit, die schlussendlich gesiegt und Hänsel und Gretel befreit hat. In dem Märchen selbst gibt es keine Ausschmückungen von Grausamkeiten, es ist die Fiktion von uns Erwachsenen, die diese Bilder hinzufügt. Kinder spüren aber diese zusätzlichen Spannungen, die wir in die Erzählungen hineintragen.

Kinder dürfen auch mal Ängste haben. Dies ist von großer Bedeutung für ihre Entwicklung. Wichtig ist nur, dass wir sie in ihren Ängsten ernst nehmen und für sie da sind, um sie zu halten und sie zu trösten, bis es wieder heller wird. Hiermit erwecken wir ein Urvertrauen in ihnen, das ihnen helfen wird, Mensch zu werden.

Herzlichst,

Eure Waldtochter

 

 

„Wir wünschen: „ Gute Sohlen“ !

Die Herbststürme im Deister beginnen und begleiten auch  die Waldkindergartengruppe. Solange die Temperaturen noch recht mild sind, gehen wir aber nicht in unseren Sturmraum in der Stadt, sondern besuchen unsere „Gute Stube“, den sogenannten „ Langen Grund“. Dies ist eine Talsenke , über die der Wind hinweg fegt. Ein steiler Fußweg führt dort hinunter und die Kinder laufen flott von Haltepunkt zu Haltepunkt. Dort sammelt sich die Gruppe jeweils, um auf die jüngeren Kinder zu warten. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, dass dort unten fast völlige Windstille herrscht. Wir stehen dann und lauschen staunend, wie der Sturm oben auf dem Berg laut tost wie das Meer. 

Ein spannender Platz auch deshalb, weil es dort ein „Hexenhaus“ gibt, das die Fantasie der Kinder anregt und sie auch ein wenig schaudern lässt. Der einzige Bewohner des kleinen, roten Backsteinhäuschens ist aber  keine Hexe, sondern ein Uhu, der es sich im Giebel gemütlich gemacht hat. Vor einigen Jahren, als wir nicht wussten, wer da wohnt, waren wir nicht leise und vorsichtig genug herangegangen an das Häuschen. Wie erschraken wir, als da plötzlich dieser große Vogel mit der imposanten Flügelspannweite herausgeflogen kam, dicht über unsere Köpfe flog und im Wald verschwand.

Außerdem kann man im  „Langen Grund“ an der Fohlenwiese ein wunderbares Echo erzeugen und so schallt es „„Haaaallooo!“ oder  „Eeechooo!“ durch das Tal. Gespannt lauschen wir dann auf die Antwort vom Berg her und werden nicht enttäuscht.

In dieser stürmischen Woche nun hatten wir es uns zum Frühstücken dort unten gemütlich gemacht, als ich unten, am Grund der Talsohle eine rote Hose durch die Bäume leuchten sah. Ein einzelner Wanderer kam des Weges. Nach einigen Minuten hatte er uns erreicht und die Kinder begrüssten ihn freundlich. Wir erfuhren, dass der Wanderer Thomas heisst und dabei ist sich einen Traum zu erfüllen. Er erwandert den Fernwanderweg E1, der vom Nordkap bis hinunter nach Sizilien führt. Die 7000 Kilometer Fußweg möchte er in einem Jahr bewältigen und ist seit Mai diesen Jahres unterwegs. Am Anfang stand eine Fahrt mit den Hurtigruten und nun war er mittlerweile bei uns im Deister angekommen.

Sein nächstes Etappenziel sei Hameln, verriet er uns. Wir hatten viele Fragen an ihn: „Wo schläfst Du denn?“ „ Tun Deine Füße nicht weh?“ „Wie schwer ist Dein Rucksack?“ Bereitwillig beantwortete Thomas alle Fragen  und als ich erwähnte, dass ich auch gern einmal eine längere Wanderung machen würde und mir dies für die Zeit nach dem Berufsleben vorgenommen habe, musste er lachen. Das höre er so oft, sagte er. Alle möchten ihre Träume erst verwirklichen, wenn sie im Rentenalter sind. Aber sind wir dann alle körperlich noch fit genug? Wäre es nicht sinnvoller, jetzt und gleich eine Auszeit zu nehmen und einfach loszuwandern? Wir alle haben unsere Verpflichtungen oder  Zwänge, die wir uns selbst auferlegt haben. Sie hindern uns daran, eine solche Unternehmung zu planen und durchzuführen. Denn einfach eben mal loswandern geht ja auch nicht, da gibt es im Vorfeld einiges vorzubereiten. Fasziniert hörten wir Thomas‘ Erzählungen. Die vergangene Nacht hatte er in einer Wanderhütte unweit des „ Langen Grundes“ verbracht und war froh, dass das Dach dicht war, als Regen einsetzte. Bestimmt eine Herausforderung, sich so zu reduzieren. Viele Stunden allein unterwegs und sicher auch oft mal Hunger und einen schmerzenden Rücken aushalten müssen. Aber sicherlich entschädigt häufig auch die Landschaft, durch die er wandert oder die freundlichen Menschen, die ihm eine Jacke schenken oder ein Bett für die Nacht anbieten.

Wir haben uns sehr gefreut Thomas kennenzulernen und  wünschen ihm, dass sich sein Traum erfüllt und er gut in Italien ankommt. Er schreibt einen Blog mit seinen Wandererlebnissen als eine Art Tagebuch. So kann man ihn ein wenig begleiten auf seinem Weg. Einen Gruß für Wanderer hat er sich selbst einfallen lassen und so wünschen wir Thomas für seinen weiteren Weg:

„ Gute Sohlen!“

Haltet Euch gut fest in diesen stürmischen Herbsttagen!

Eure Waldtochter

Hier noch der Link zu Thomas‘ Blog zum Lesen und Weiterverteilen:

http://e1-traum.de/

 

„ Ist das nicht ein bisschen weltfremd?“

Vor einigen Tagen gingen wir mit Klaus, dem kleinen Mischlingshund spazieren nahe des Bauwagens am Waldkindergarten. Häufig ist es am Wochenende so, dass zahlreiche Spaziergänger am Deisterhang unterwegs sind und dann anschliessend  im Berggasthaus Ziegenbuche einkehren, um den wunderbaren Kuchen, die Gastlichkeit und den unbezahlbar schönen Ausblick tief in das Weserbergland zu geniessen.

So auch an diesem Tag. Oft beobachte ich dann , dass Menschen vor dem Bauwagen in unmittelbarer Nähe des Gasthauses stehen und sich fragen, wer dort sein Domizil hat. Diesmal war es ein Ehepaar mit Sohn und Freundin. Die junge Frau fragte grad, wo denn wohl hier der Waldkindergarten sei; sie sähe  hier gar kein Gebäude. Ich  hatte den Schlüssel für unseren Bauwagen  dabei und sie freuten sich, als ich ihnen anbot einen Blick hinein zu werfen. „ Hier sieht es aus wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen“, bekomme ich dann schonmal zu hören. Das Ehepaar war sehr interessiert und ich gab bereitwillig Auskunft; bin halt auch immer stolz auf unseren Kindergarten, den wir vor 18 Jahren gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Erstaunt war ich allerdings, als der Mann mich fragte, ob das nicht ein bisschen weltfremd sei, wie wir dort oben im Deister mit den Kindern arbeiten. Als ich noch jünger war, hätte ich vermutlich empört oder trotzig reagiert. Nun aber, nach achtzehn Jahren Erfahrung in der Waldpädagogik, freute ich mich auf eine anregende Diskussion.

Ich erklärte ihm, dass ich der Meinung bin, es ist ganz nah an der Welt, was wir dort tun. Unsere Welt besteht aus Natur, alles andere ist menschengemacht. Was liegt da näher als die Kinder an den Ursprung zurück zu führen? Dorthin, wohin sie ohnehin ganz selbstverständlich gehören und sich zugehörig fühlen. Dorthin, wo sie Kind sein können und geerdet.

Unsere technologische, digitalisierte und zugebaute Welt ist in meinen Augen weltfremd, gab ich ihm zu verstehen. Ich wusste natürlich, wie er seine Frage gemeint hatte. Er hat Sorge, dass die Kinder aus dem wohlbehüteten, idyllischen kleinen Kosmos des Waldes kommen und sich dann in der harten Realität nicht zurecht finden und behaupten können. Doch nur wer schon als Kind eine gute Erdung erfährt, sich beweisen kann, seine Kräfte kennenlernt, Selbstbewusstsein und Selbständigkeit erlangt, wer Stille und Entspannung erlebt, der ist gewappnet für die Welt und sie ist ihm nicht fremd. Ich freute mich, als ich sah, dass der Besucher es versteht.  „ Stimmt schon, und die technologische Welt kommt noch früh genug auf sie zu“. Genau!

Wichtig ist, Kinder zu respektieren, sie zu wertschätzen.

Jede Erzieherin, jeder Erzieher, jede Lehrerin, jeder Lehrer, alle sollten wir uns am Ende des Tages fragen: „Ist es jedem einzelnen Kind bei mir gut gegangen heute? Habe ich es wahrnehmen können mit seinen Bedürfnissen?“

Von Zeit zu Zeit vermisse ich diese emphatische Haltung, wenn ich die Arbeit in Kitas und Schulen beobachte. Immer, auch nach vielen Berufsjahren sollten wir uns reflektieren und unser Verhalten hinterfragen. Oft sind es auch die Rahmenbedingungen, die die Kollegen stressen und es ihnen nicht möglich machen, adäquat auf die Kinder einzugehen. Personalmangel ( und ich meine qualifiziertes Personal), zu grosse Gruppen, immer frühere Beschulung. Die Gesellschaft ist nicht auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet, sondern das Kind muss sich in die Gegebenheiten einfügen. Die Politik gibt Wege vor, die dann von den Kindern, Eltern und Pädagogen beschritten werden müssen. Die Auswirkungen dieser Fehlentwicklungen werden wir vermutlich erst in zwanzig Jahren oder später zu spüren bekommen.

Was habe ich es gut mit meinen fünfzehn Waldkindern, die ich gemeinsam mit zwei Kollegen gut betreuen und im Blick haben kann.

Ich bin sehr dankbar dafür.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag!

Eure Waldtochter

Hier noch ein Link zu der Freien Schule Weserbergland, die noch sehr jung ist und eine spannende Entwicklung durchlebt:

http://www.freie-schule-weserbergland.de/

Finchen schmeckt es auch!

Heute wurde bei uns im Waldkindergarten Apfelsaft gepresst. Tage zuvor hatten wir bei netten  „Waldnachbarn“ auf der Pferdekoppel Äpfel sammeln dürfen.

“ In meinem kleinen Apfel, da sieht es lustig aus,

es sind darin fünf Stübchen, grad wie in einem Haus!“

Schnell waren die Körbe gefüllt und wir hatten noch Zeit die Galloway-Kälber zu bestaunen, die uns friedlich wiederkäuend von der anderen Seite des Zaunes zuschauten.

Heute nun bauten wir die Apfelpresse des NABU auf, die wir uns jedes Jahr ausleihen dürfen. Die Kinder erfahren, woher Lebensmittel kommen, wie und aus was sie hergestellt werden. Das ist uns wichtig und lässt bei den Kindern eine Wertschätzung entstehen. Gemeinsam wird gewaschen , geschnippelt, kleingehäckselt und letztendlich gepresst. Heraus kommt wunderbar süss schmeckender, frischer Apfelsaft!

Der wird dann mithilfe eines Trichters in die mitgebrachten Flaschen umgefüllt und im Abschlusskreis gibt es für alle, die möchten eine Kostprobe.

Und wen entdeckten wir da in einem unserer Apfelkörbe? Finchen! Man muss wissen, alle Schnecken hier im Wald heissen irgendwie Finchen. Das muss wohl an unserer Handpuppe liegen, die den Waldkindern regelmässig Geschichten erzählt oder auf ihre ganz eigene Art und Weise Naturzusammenhänge erklärt.

Die Waldkinder wissen um die Nützlichkeit der Wegschnecke. Sie ist ein Allesfresser und verhindert Seuchen und Krankheiten im Wald, indem sie auch Aas frisst. Sie sorgt für Artenvielfalt, da sie zahlreichen Vögeln,Reptilien und Säugetieren als Nahrung dient.

Nun, Finchen tat sich gütlich an unseren Äpfeln und fühlte sich vermutlich wie im Schlaraffenland.Sie posierte gar vor der Kamera und ließ sich nicht stören. 

Nachdem wir den köstlichen Apfelsaft abgefüllt hatten und im Abschlusskreis zusammen saßen, fragten wir uns, wo Finchen wohl geblieben sei. Eines der Kinder rief plötzlich“ Da ist sie! Sie ist wohl noch nicht satt!“ Sie hatte mittlerweile den großen Kürbis erklommen, der seit unserem Erntedankfest auf dem Waldtisch thronte.

“ In unsrem Wald, da kriecht ne Schnecke.

Sie kommt ganz langsam nur vom Flecke.

Sie hat die Fühler ausgestreckt… Oh Schreck! Jetzt hat sie mich entdeckt!

Sie zieht die Fühler ein , und kriecht ins Schneckenhaus hinein.“

So heisst es in einem Fingerspiel, das die Waldkinder häufig am Ende des Frühstücks miteinander spielen.

Stolz nahm jedes der Kinder eine Flasche mit selbstgepresstem Saft mit nachhause. Und das Wissen darum, woher der Saft kommt und wie er schmeckt , wenn er frisch aus der Saftpresse kommt.

Morgen werden wir einen Ausflug zum Mesenstein machen. Der birgt eine geheimnisvolle, dunkle Geschichte. Aber die erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Eure Waldtochter

 

„ Heute ist mein Tag der Erinnerungen“

Etwas weiches, etwas hartes, etwas stacheliges, etwas besonderes, etwas , das gut riecht…. Lang war die Liste der Dinge, die zwölf ehemalige Waldkindergarten-Kinder im Wald sammeln sollten an diesem wunderbaren, sonnigen Herbsttag im Deister.

Zweimal im Jahr laden wir die ehemaligen Kinder zu uns in den Wald ein, um ihren alten Kindergarten zu besuchen. Wir überlegen uns ein kleines Programm, aber selbst das könnten wir uns sparen. Beseelt von den Erinnerungen sind die Kinder einfach zufrieden damit, in  „ihrem Wald“ zu sein. Bekannte Plätze wiederzusehen, wieder einmal das Schnitzmesser in der Hand zu halten, am Lagerfeuer eine Kürbissuppe zu essen, den Waldgeräuschen zu lauschen… mehr braucht es nicht an diesem Tag.

Sie bekamen nach der Begrüssung eine Such-Liste und machten sich auf den Weg. Die „ Steinklippen“ und der „ Tannenwaldi“, dies waren die beiden Plätze, an die sie sich sofort erinnerten und die sie besuchen wollten. Unterwegs suchten sie emsig und verglichen, was ihnen noch fehlte.

Strahlender Sonnenschein begleitete uns und plötzlich spürte ich eine Kinderhand in meiner, genau wie früher, nur mit dem Unterschied, dass das ehemalige Waldkind nun schon die zweite Klasse besucht. Ich spürte eine innige Verbindung zu mir als Erzieherin und zur Natur, in der sie sich ganz selbstverständlich bewegten, so als seien sie mal wieder zuhause vorbei gekommen.

Was für ein Glücksgefühl, diese Kinder dabei zu beobachten, wie sie tief einatmen und sich zuhause fühlen. Wunderbar zu erleben, dass ihr Bezug zur Natur Wurzeln geschlagen hat in ihnen und die Arbeit im Wald mit ihnen sie geprägt hat.

Nachdem wir einen ausgedehnten Spaziergang zu den Plätzen ihrer Kindergartenzeit unternommen hatten, kamen wir wieder am Bauwagen an. Wir entzündeten ein Lagerfeuer und stärkten uns an Bratwürstchen, die wir auf Stöckchen spießten und einer wärmenden Kürbissuppe. Ich musste sie mehrmals zum Essen rufen, so beschäftigt waren sie mit dem Bau einer Seilbahn , dem Schnitzen oder Klettern. Ein Mädchen malte ein Bild und schenkte es dem Kindergarten.

Die kleinen Naturmaterialien, die sie mithilfe der Liste gesammelt hatten, legten sie gemeinsam zu einem Wald-Mandala zusammen.

Ein solcher Tag ist eine grossartige Bestätigung unserer Arbeit. Kinder brauchen die Natur, und nicht nur sie. Auch ihre Eltern die gegen Abend dazu kamen , äusserten ihr Empfinden so: “ Wie schön ist es, mal wieder hier zu sein“. Kleine Aus-Zeiten im Wald, ein Spaziergang durch die Feldmark, wenn wir das wirklich wollen, können wir alle es täglich in unser Leben einbauen. Die Stimmung im Wald, die veränderten Lichtverhältnisse, die Stille erleben, all das stärkt uns für unseren Alltag und setzt Glückshormone frei.

So auch heute  im Deister, als eines der Mädchen vor mir her ging und sich zu mir umdrehte: „ Heute ist mein Tag der Erinnerungen“, sagte sie mit einem Leuchten im Gesicht.

Bei mir auch.

Danke dafür.

Eure Waldtochter

 

 

 

Erntedank im Wald

Reich gedeckt war unser Tisch im Waldkindergarten gestern beim Erntedankfest. „ Was habt Ihr mitgebracht? Wo wächst es? Was kann man damit machen?“ Die Kinder hatten verschiedene Ideen, wem man für die Ernte danken kann: Gott, dem Bauern, Mutter Erde…Die Waldkinder haben hierzu ihre ganz eigenen Ideen.

Eines der Kinder hatte sich im Gesicht mit Ornamenten geschmückt und sagte, sie wolle danken, dass es sie gibt. Und wem? „ Na, der Mutter Erde! Und Mama und Papa!“

Das ist es, was mich immer wieder in Staunen versetzt und glücklich macht. Die Kinder begreifen sich noch ganz intensiv als einen Teil des Ganzen, als Naturwesen . Ganz selbstverständlich lassen sie sich auf die Natur ein und fühlen sich eingebettet in den Kreislauf. Das ist ein großer Schatz und es liegt an uns Erwachsenen ihn zu hüten.

 

Die Kinder hatten beim Erntedank ihre Eltern , Geschwister und Großeltern eingeladen in den Wald zu kommen. Schon Tage vorher wurde im Spiel „ Waldsuppe“ gekocht. Nun waren sie emsig damit beschäftigt Kartoffeln, Möhren und Kürbis zu schneiden und auf dem Kocher entstand eine leckere Kürbissuppe für alle.

Ein Waldtheaterstück von der Zauberkartoffel wurde aufgeführt und Prinzessin Tausendschön musste dem Krokodil ihren rotbackigen Apfel wieder abluchsen.

 

Am Ende gab es noch ein  Fingerspiel, in dem es um das gemeinsame Handeln ging. Fünf Finger können nur zusammen einen Apfel heben, allein schafft es keiner von ihnen. Dem kleinsten der Finger fällt das ein , wie sinnbildlich erscheint mir das. Den Kindern genau zuhören, auch wenn wir häufig keine Zeit dafür haben im hektischen Alltag. Sie wissen mehr als wir glauben und stellen Zusammenhänge her, die ganz einfach und logisch sind. Ihre Wahrnehmung ist noch nicht gestört von allzu vielen Reizen, Einflüssen und Irritationen. Wir können eine Menge von ihnen lernen.

Erntedank ist eine gute Gelegenheit , mit den Kindern zu kommunizieren und sich auf ihre Gedanken einzulassen. Vielleicht ein paar Hagebutten im Wald „ ernten“ oder zusammen über das Stoppelfeld laufen um zu schauen, ob noch Kornähren dort liegen als Überbleibsel der Ernte.

Wir haben als Kinder noch in den 70er Jahren auf dem Kartoffelfeld gesessen , haben mit den abgetrockneten Kartoffelpflanzen ein kleines Lagerfeuer entfacht und nach Kartoffeln gesucht, die wir uns dann geröstet haben.  Wer kann sich auch noch erinnern an solche Momente am Stadtrand?

Ich wünsche Euch allen einen schönen Erntedank-Tag heute!

Eure Waldtochter

 

Auch auf der Erde gibt es Sterne!

  • Pilze gibt es das ganze Jahr bei uns im Wald und nicht nur im Herbst. Gestern habe ich allerdings gemeinsam mit einem der Waldkinder eine Besonderheit auf dem Waldboden entdeckt: einen Erdstern. Er ist eher selten zu finden, ist auch ungenießbar aber dafür wunderschön anzusehen. Wenn er an das Licht kommt , ist er eine unscheinbare braune Kugel und enfaltet sich dann nach und nach zu einem Stern. Lustig fanden die Kinder, dass er zur Gattung der „ Bauchpilze „ gehört.

Ein Pilzfachmann sagte mir einmal, dass er so große Vorkommen wie im Deister vorher noch nicht gesehen habe. Bei den von uns entdeckten Exemplaren handelt es sich um den gewimperten Erdstern. Na, was für ein Glück für uns!

Die Waldkinder wissen: das allermeiste vom Pilz ist nicht überirdisch zu sehen, sondern wächst sehr verzweigt unter der Erde; das sogenannte Myzel. Es zersetzt morsches Holz und sorgt dafür , dass immer wieder neuer Humus entsteht.

 

Beflügelt von dem tollen Fund machten sich gleich einige der Kinder gemeinsam mit mir auf Pilzsuche. Was wir noch gefunden haben, seht Ihr anhand der Fotos.

Pilze sind wichtig für unser Ökosystem und die Kinder passen immer gut auf, dass sie sie nicht zertreten. Denn oft haben wir schon beobachtet, dass Pilze, die für uns Menschen giftig sind, von Tieren mit Genuß verspeist werden. So fanden wir in einem Fichtenwald einmal eine große Anzahl von Fliegenpilzen(„ Kann der Pilz auch wirklich fliegen, Beate?“), auf denen Wegschnecken saßen und es sich schmecken ließen.

Pilze sind nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen näher mit den Tieren verwandt als mit den Pflanzen. Sie bilden ein eigenes Reich und gehen teilweise Symbiosen mit Pflanzen ein.

In Kürze möchte ich für den Waldkindergarten einen ganz besonderen Pilz anschaffen: den Zunderschwamm. Als Streichholz und Feuerzeug noch nicht erfunden waren, konnten die Menschen mit ihm ein Feuer entfachen. Dazu muss der Pilz, der bevorzugt an absterbenden Bäumen wächst, allerdings noch besonders behandelt werden. Er wird gekocht, getrocknet und anschliessend in Salpeter getränkt. Ich bin gespannt!

Auch Kleidung wurde in früheren Zeiten aus Zunderschwamm hergestellt. Heilkundlich wurde er zur Wundbehandlung genutzt. Erstaunlich, denn gerade über Wunden im Baum gelangt er in den Organismus und beginnt ihn zu zersetzen.

Es ist mir in meiner Arbeit immer wichtig, den Kindern solche alten Kenntnisse näher zu bringen. So bekommen sie ein Gefühl dafür, welche Bedeutung die Natur für uns Menschen hat und wie wir sie nutzen können, ohne gleich in die Apotheke laufen zu müssen. Kinder sind auf eine natürliche Art wissbegierig und neugierig. Diese Fähigkeit können wir nutzen, um sie in die Natur einzubinden und heranzuführen.

Nun wünsche ich Euch einen schönen Herbsttag und seid gespannt auf meinen Bericht vom Lagerfeuer, das mithilfe von Zunderschwamm entfacht wird.

Bis dann,

Eure Waldtochter

 

 

 

Die Liebe zur Natur habe ich weiter gegeben

Dies ist der Untersee bei Köln. Ein wirklich bezaubernder Platz, so beschreibt ihn zumindest mein älterer Sohn, und so gibt es auch das Foto wieder, das er mir vor einiger Zeit schickte. Eines von vielen, die ich von meinen beiden Kindern aus der Ferne ihrer Studienorte bekomme. Und ich stelle fest: meine Liebe und mein enger Bezug zur Natur hat auch bei ihnen Wurzeln geschlagen.

Neulich schrieb der Große mir, er stelle gerade fest, wie sehr er einen Bezug zur Natur hat, ohne selbst initiativ danach gesucht zu haben und dass die Sympathie für die Pflanzen- und Tierwelt durch mich entstanden sei. Mutter glücklich. Mehr geht nicht. Und gleichzeitig eine Aufforderung an alle Eltern: geht mit den Kindern raus, ein kleines Fleckchen Wildnis , in dem die Kinder ihre eigenen Sinneserfahrungen machen können, genügt. Sie müssen dafür nicht zwingend in den Naturentdeckerkurs gehen( zweifelsohne trotzdem eine tolle Sache!)

Geht gemeinsam mit ihnen, entdeckt gemeinsam und verbringt intensive Zeit mit ihnen in Wald und Wiese. Der Bezug zu allem, was lebt entsteht so ganz selbstverständlich. Über ihre Sinne , über das Riechen, Matschen, Fühlen, Lauschen werden sie alles begreifen und lieben lernen.

Die Äußerungen meines Sohnes sind Beleg dafür, dass diese Saat aufgeht und weiter gegeben wird. Ich bin sicher, auch seinen Kindern wird er später einmal diese Erlebnisse ermöglichen.

Nur das kann unser Weg sein in Zukunft. Die Kinder von heute lernen etwas lieben und werden es später schätzen und schützen, davon bin ich überzeugt.

Auch in der Arbeit im Waldkindergarten zeigt sich das immer wieder. Die Kinder entwickeln empathisches Verhalten gegenüber allem, was Mutter Natur ihnen zeigt.

” Mutter Erde sorgt für Dich,

Mutter Erde sorgt für mich,

Mutter Erde sorgt für uns, denn wir sind ihre Kinder…”

( Quelle:  ” Die Flüsse, sie fließen” , UNMADA Manfred Kindel )

So singen wir auf Wunsch der Kinder häufig morgens zur Begrüßung und man spürt , dass die Kinder beseelt davon sind und dies auch wirklich leben.

Und wenn nun mein Großer am Untersee sitzt oder der jüngere Sohn im Taunus unterwegs ist und mir seine Eindrücke unmittelbar schildert, dann ist dies eine Bestätigung und ein großes Glück.

Ich wünsche Euch viele solcher Glücksmomente.

Eure Waldtochter

 

 

Hallo Welt!

Mein Blog ist geboren!

Mal schauen, wie wir zwei miteinander klar kommen?.

Ich bin die Waldtochter. Die Natur ist meine Heimat, meine Kraft.Ich arbeite im Wald mit Kindern und auch in meiner Freizeit fühle ich mich nur komplett, wenn ich täglich nahen Kontakt zur Natur habe. Im Wald tanke ich auf, atme durch und hole mir Inspiration.

Ich möchte hier auf meinem Blog eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen schildern. Ich vertrete keine Institution oder Organisation. Das, was ich schreibe, ist meine eigene Meinung und Überzeugung, die natürlich nicht von jedem geteilt werden muss. Einzig Respekt hierfür wünsche ich mir.

Begleitet mich durch die Welt der Feen, Zwerge und Waldgeister. Geht mit mir gemeinsam durch die Jahreszeiten und staunt, was man alles mit den Schätzen aus der Natur machen kann.

Ich freue mich drauf!

Eure Waldtochter