Still!

 

Hinaus gehen in den Wald, statt zum Therapeuten? Kann die Stille des Waldes wirklich helfen?

Es erscheint uns sicher manchmal einfach zu simpel, wenn wir den Rat bekommen, doch mal wieder in den Wald zu gehen. Allein. Ohne Hund. Ohne Partner. Ohne das omnipräsente Handy. Stille erleben, fühlen, in sich selbst hinein horchen. Das eigene Herz spüren, den Puls wahrnehmen. Selbst in unseren Wäldern ist dies nur eingeschränkt möglich; zu nah ist der Straßenverkehr, die Flugzeuge über uns. Aber wir können den Pegel herunterfahren, dem übersteuerten  Gehirn eine kleine Pause gönnen. Einen einzelnen Vogel zwitschern hören. Die letzten welken Blätter an den winterkahlen Bäumen rascheln hören. Oft ist in meinem Kopf ein leichtes Piepen, wenn ich dem Weg in den Langen Grund im Deister hinunter gehe. Dorthin dringen  kaum Verkehrsgeräusche und mein Gehirn muss sich erst einjustieren auf die Ruhe. Denn Ruhe ist es, die ich dort unten erfahre. Stille ist es nicht, denn es sind ja immer Geräusche da.

Unseren Hörsinn können wir nicht abschalten, er ist immer auf Empfang. Wenn wir einmal nichts mehr sehen möchten, halten wir uns die Augen zu. Die Ohren zuhalten funktioniert nur bedingt; ganz abschirmen lassen sich die Außengeräusche nicht, und schon gar nicht die von innen kommenden.

” Still jetzt….” , bitte ich die Waldkinder jeden Tag im Morgenkreis, wenn wir uns an die Hände fassen, um uns zu begrüßen . Ganz leise wird es dann und wir lauschen gemeinsam auf die Stimmen des Waldes. So kommen wir an, switchen um und schlüpfen zusammen in den Wald-Tag. Mittags beim Abholen dann ist sie wieder präsent, die Umwelt mit Terminen, Verpflichtungen und Zwängen selbst bei den Kindern schon. Turnen, Klavierunterricht, Schwimmkurs. ” Möchtet Ihr nächste Woche Donnerstag zusammen spielen?” Das können die Kinder doch jetzt noch nicht wissen. Was ist nächste Woche Donnerstag? Mit wem mag ich dann spielen? Wie geht  es mir nächste Woche? Da bleibt weniger Raum für spontane soziale Kontakte und Spielsituationen. Statt dessen schon Terminplanung. Erfreulicherweise sind aber die meisten   Eltern  trotzdem so flexibel, dass sie auf die zeitnahen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und ihren Wünschen entsprechen können. Darüber bin ich froh. Aber es wird immer schwieriger, denn das von der Politik und Wirtschaft durchaus gewollte Familienmodell sieht vor, dass beide Elternteile dem Arbeitsmarkt möglichst früh wieder zur Verfügung stehen. Viele Eltern möchten oder müssen dies mittlerweile auch. Das schränkt die zeitlichen Möglichkeiten natürlich ein. Dann ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt und ich wähle bewusst diese Reihenfolge. Es ist häufig leider ein erwachsenenfreundliches Modell, an den Bedürfnissen der Kinder vorbei, wie ich finde und erlebe.

Aber zurück zur Ruhe, zur Stille. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich Mühe habe sie zu ertragen. Zu sehr ist mein Gehirn schon auf Dauerbeschallung gepolt. Sowie es ruhig ist, muss Ablenkung her. Sonst wäre ich ja zu sehr bei mir. Zu konkret auf mich reduziert, müsste meine Gedanken “hören” und mich mit ihnen auseinandersetzen. Neulich las ich einen Spruch:” Nachdenken ist wie Schaukeln; man hat etwas zu tun, kommt aber nicht wirklich weiter”. Das sehe ich anders. Dort unten im Langen Grund wird der Kopf klar beim Nachdenken. Es entsteht Kreativität, es kommen Ideen. Verstrickungen entwirren sich. Die Ruhe bringt Erkenntnisse; Gedanken können fliessen. Tief einatmen. Der Atemrythmus normalisiert sich. Atmen wird wieder bewusst erlebt. Oft sind wir einfach nur noch atemlos und aus dem Gleichgewicht. Gerade paradoxerweise jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Vieles können wir selbst heilen, wir müssen es uns nur erlauben und uns Zeit dafür nehmen. ” Ich habe keine Zeit” ist ein häufig getätigter Ausspruch. Doch die Zeit ist da, es liegt nur an uns, wie und wofür wir sie nutzen. Langeweile darf nicht sein, dabei ist sie etwas unglaublich wichtiges. Aus Langeweile entsteht Kreativität, in Gedanken und in Taten. Langeweile ist das Herunterfahren und neu Hochfahren. Es erlaubt uns ein Innehalten und neu beginnen. Der Wald, die Natur kann uns dabei helfen. Dort bekommen wir alles, was wir brauchen. Vogelgezwitscher inklusive.

Wenn der Weg von der Talsohle dann  hinaufführt an den Deisterrand bin ich wieder bereit für Hundegebell, Strassenlärm, Kindergeschrei , Musik und Kommunikation.

Es kann weitergehen!

Eure Waldtochter

 

„Wir wünschen: „ Gute Sohlen“ !

Die Herbststürme im Deister beginnen und begleiten auch  die Waldkindergartengruppe. Solange die Temperaturen noch recht mild sind, gehen wir aber nicht in unseren Sturmraum in der Stadt, sondern besuchen unsere „Gute Stube“, den sogenannten „ Langen Grund“. Dies ist eine Talsenke , über die der Wind hinweg fegt. Ein steiler Fußweg führt dort hinunter und die Kinder laufen flott von Haltepunkt zu Haltepunkt. Dort sammelt sich die Gruppe jeweils, um auf die jüngeren Kinder zu warten. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, dass dort unten fast völlige Windstille herrscht. Wir stehen dann und lauschen staunend, wie der Sturm oben auf dem Berg laut tost wie das Meer. 

Ein spannender Platz auch deshalb, weil es dort ein „Hexenhaus“ gibt, das die Fantasie der Kinder anregt und sie auch ein wenig schaudern lässt. Der einzige Bewohner des kleinen, roten Backsteinhäuschens ist aber  keine Hexe, sondern ein Uhu, der es sich im Giebel gemütlich gemacht hat. Vor einigen Jahren, als wir nicht wussten, wer da wohnt, waren wir nicht leise und vorsichtig genug herangegangen an das Häuschen. Wie erschraken wir, als da plötzlich dieser große Vogel mit der imposanten Flügelspannweite herausgeflogen kam, dicht über unsere Köpfe flog und im Wald verschwand.

Außerdem kann man im  „Langen Grund“ an der Fohlenwiese ein wunderbares Echo erzeugen und so schallt es „„Haaaallooo!“ oder  „Eeechooo!“ durch das Tal. Gespannt lauschen wir dann auf die Antwort vom Berg her und werden nicht enttäuscht.

In dieser stürmischen Woche nun hatten wir es uns zum Frühstücken dort unten gemütlich gemacht, als ich unten, am Grund der Talsohle eine rote Hose durch die Bäume leuchten sah. Ein einzelner Wanderer kam des Weges. Nach einigen Minuten hatte er uns erreicht und die Kinder begrüssten ihn freundlich. Wir erfuhren, dass der Wanderer Thomas heisst und dabei ist sich einen Traum zu erfüllen. Er erwandert den Fernwanderweg E1, der vom Nordkap bis hinunter nach Sizilien führt. Die 7000 Kilometer Fußweg möchte er in einem Jahr bewältigen und ist seit Mai diesen Jahres unterwegs. Am Anfang stand eine Fahrt mit den Hurtigruten und nun war er mittlerweile bei uns im Deister angekommen.

Sein nächstes Etappenziel sei Hameln, verriet er uns. Wir hatten viele Fragen an ihn: „Wo schläfst Du denn?“ „ Tun Deine Füße nicht weh?“ „Wie schwer ist Dein Rucksack?“ Bereitwillig beantwortete Thomas alle Fragen  und als ich erwähnte, dass ich auch gern einmal eine längere Wanderung machen würde und mir dies für die Zeit nach dem Berufsleben vorgenommen habe, musste er lachen. Das höre er so oft, sagte er. Alle möchten ihre Träume erst verwirklichen, wenn sie im Rentenalter sind. Aber sind wir dann alle körperlich noch fit genug? Wäre es nicht sinnvoller, jetzt und gleich eine Auszeit zu nehmen und einfach loszuwandern? Wir alle haben unsere Verpflichtungen oder  Zwänge, die wir uns selbst auferlegt haben. Sie hindern uns daran, eine solche Unternehmung zu planen und durchzuführen. Denn einfach eben mal loswandern geht ja auch nicht, da gibt es im Vorfeld einiges vorzubereiten. Fasziniert hörten wir Thomas‘ Erzählungen. Die vergangene Nacht hatte er in einer Wanderhütte unweit des „ Langen Grundes“ verbracht und war froh, dass das Dach dicht war, als Regen einsetzte. Bestimmt eine Herausforderung, sich so zu reduzieren. Viele Stunden allein unterwegs und sicher auch oft mal Hunger und einen schmerzenden Rücken aushalten müssen. Aber sicherlich entschädigt häufig auch die Landschaft, durch die er wandert oder die freundlichen Menschen, die ihm eine Jacke schenken oder ein Bett für die Nacht anbieten.

Wir haben uns sehr gefreut Thomas kennenzulernen und  wünschen ihm, dass sich sein Traum erfüllt und er gut in Italien ankommt. Er schreibt einen Blog mit seinen Wandererlebnissen als eine Art Tagebuch. So kann man ihn ein wenig begleiten auf seinem Weg. Einen Gruß für Wanderer hat er sich selbst einfallen lassen und so wünschen wir Thomas für seinen weiteren Weg:

„ Gute Sohlen!“

Haltet Euch gut fest in diesen stürmischen Herbsttagen!

Eure Waldtochter

Hier noch der Link zu Thomas‘ Blog zum Lesen und Weiterverteilen:

http://e1-traum.de/

 

„ Ist das nicht ein bisschen weltfremd?“

Vor einigen Tagen gingen wir mit Klaus, dem kleinen Mischlingshund spazieren nahe des Bauwagens am Waldkindergarten. Häufig ist es am Wochenende so, dass zahlreiche Spaziergänger am Deisterhang unterwegs sind und dann anschliessend  im Berggasthaus Ziegenbuche einkehren, um den wunderbaren Kuchen, die Gastlichkeit und den unbezahlbar schönen Ausblick tief in das Weserbergland zu geniessen.

So auch an diesem Tag. Oft beobachte ich dann , dass Menschen vor dem Bauwagen in unmittelbarer Nähe des Gasthauses stehen und sich fragen, wer dort sein Domizil hat. Diesmal war es ein Ehepaar mit Sohn und Freundin. Die junge Frau fragte grad, wo denn wohl hier der Waldkindergarten sei; sie sähe  hier gar kein Gebäude. Ich  hatte den Schlüssel für unseren Bauwagen  dabei und sie freuten sich, als ich ihnen anbot einen Blick hinein zu werfen. „ Hier sieht es aus wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen“, bekomme ich dann schonmal zu hören. Das Ehepaar war sehr interessiert und ich gab bereitwillig Auskunft; bin halt auch immer stolz auf unseren Kindergarten, den wir vor 18 Jahren gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Erstaunt war ich allerdings, als der Mann mich fragte, ob das nicht ein bisschen weltfremd sei, wie wir dort oben im Deister mit den Kindern arbeiten. Als ich noch jünger war, hätte ich vermutlich empört oder trotzig reagiert. Nun aber, nach achtzehn Jahren Erfahrung in der Waldpädagogik, freute ich mich auf eine anregende Diskussion.

Ich erklärte ihm, dass ich der Meinung bin, es ist ganz nah an der Welt, was wir dort tun. Unsere Welt besteht aus Natur, alles andere ist menschengemacht. Was liegt da näher als die Kinder an den Ursprung zurück zu führen? Dorthin, wohin sie ohnehin ganz selbstverständlich gehören und sich zugehörig fühlen. Dorthin, wo sie Kind sein können und geerdet.

Unsere technologische, digitalisierte und zugebaute Welt ist in meinen Augen weltfremd, gab ich ihm zu verstehen. Ich wusste natürlich, wie er seine Frage gemeint hatte. Er hat Sorge, dass die Kinder aus dem wohlbehüteten, idyllischen kleinen Kosmos des Waldes kommen und sich dann in der harten Realität nicht zurecht finden und behaupten können. Doch nur wer schon als Kind eine gute Erdung erfährt, sich beweisen kann, seine Kräfte kennenlernt, Selbstbewusstsein und Selbständigkeit erlangt, wer Stille und Entspannung erlebt, der ist gewappnet für die Welt und sie ist ihm nicht fremd. Ich freute mich, als ich sah, dass der Besucher es versteht.  „ Stimmt schon, und die technologische Welt kommt noch früh genug auf sie zu“. Genau!

Wichtig ist, Kinder zu respektieren, sie zu wertschätzen.

Jede Erzieherin, jeder Erzieher, jede Lehrerin, jeder Lehrer, alle sollten wir uns am Ende des Tages fragen: „Ist es jedem einzelnen Kind bei mir gut gegangen heute? Habe ich es wahrnehmen können mit seinen Bedürfnissen?“

Von Zeit zu Zeit vermisse ich diese emphatische Haltung, wenn ich die Arbeit in Kitas und Schulen beobachte. Immer, auch nach vielen Berufsjahren sollten wir uns reflektieren und unser Verhalten hinterfragen. Oft sind es auch die Rahmenbedingungen, die die Kollegen stressen und es ihnen nicht möglich machen, adäquat auf die Kinder einzugehen. Personalmangel ( und ich meine qualifiziertes Personal), zu grosse Gruppen, immer frühere Beschulung. Die Gesellschaft ist nicht auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet, sondern das Kind muss sich in die Gegebenheiten einfügen. Die Politik gibt Wege vor, die dann von den Kindern, Eltern und Pädagogen beschritten werden müssen. Die Auswirkungen dieser Fehlentwicklungen werden wir vermutlich erst in zwanzig Jahren oder später zu spüren bekommen.

Was habe ich es gut mit meinen fünfzehn Waldkindern, die ich gemeinsam mit zwei Kollegen gut betreuen und im Blick haben kann.

Ich bin sehr dankbar dafür.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag!

Eure Waldtochter

Hier noch ein Link zu der Freien Schule Weserbergland, die noch sehr jung ist und eine spannende Entwicklung durchlebt:

http://www.freie-schule-weserbergland.de/

„ Heute ist mein Tag der Erinnerungen“

Etwas weiches, etwas hartes, etwas stacheliges, etwas besonderes, etwas , das gut riecht…. Lang war die Liste der Dinge, die zwölf ehemalige Waldkindergarten-Kinder im Wald sammeln sollten an diesem wunderbaren, sonnigen Herbsttag im Deister.

Zweimal im Jahr laden wir die ehemaligen Kinder zu uns in den Wald ein, um ihren alten Kindergarten zu besuchen. Wir überlegen uns ein kleines Programm, aber selbst das könnten wir uns sparen. Beseelt von den Erinnerungen sind die Kinder einfach zufrieden damit, in  „ihrem Wald“ zu sein. Bekannte Plätze wiederzusehen, wieder einmal das Schnitzmesser in der Hand zu halten, am Lagerfeuer eine Kürbissuppe zu essen, den Waldgeräuschen zu lauschen… mehr braucht es nicht an diesem Tag.

Sie bekamen nach der Begrüssung eine Such-Liste und machten sich auf den Weg. Die „ Steinklippen“ und der „ Tannenwaldi“, dies waren die beiden Plätze, an die sie sich sofort erinnerten und die sie besuchen wollten. Unterwegs suchten sie emsig und verglichen, was ihnen noch fehlte.

Strahlender Sonnenschein begleitete uns und plötzlich spürte ich eine Kinderhand in meiner, genau wie früher, nur mit dem Unterschied, dass das ehemalige Waldkind nun schon die zweite Klasse besucht. Ich spürte eine innige Verbindung zu mir als Erzieherin und zur Natur, in der sie sich ganz selbstverständlich bewegten, so als seien sie mal wieder zuhause vorbei gekommen.

Was für ein Glücksgefühl, diese Kinder dabei zu beobachten, wie sie tief einatmen und sich zuhause fühlen. Wunderbar zu erleben, dass ihr Bezug zur Natur Wurzeln geschlagen hat in ihnen und die Arbeit im Wald mit ihnen sie geprägt hat.

Nachdem wir einen ausgedehnten Spaziergang zu den Plätzen ihrer Kindergartenzeit unternommen hatten, kamen wir wieder am Bauwagen an. Wir entzündeten ein Lagerfeuer und stärkten uns an Bratwürstchen, die wir auf Stöckchen spießten und einer wärmenden Kürbissuppe. Ich musste sie mehrmals zum Essen rufen, so beschäftigt waren sie mit dem Bau einer Seilbahn , dem Schnitzen oder Klettern. Ein Mädchen malte ein Bild und schenkte es dem Kindergarten.

Die kleinen Naturmaterialien, die sie mithilfe der Liste gesammelt hatten, legten sie gemeinsam zu einem Wald-Mandala zusammen.

Ein solcher Tag ist eine grossartige Bestätigung unserer Arbeit. Kinder brauchen die Natur, und nicht nur sie. Auch ihre Eltern die gegen Abend dazu kamen , äusserten ihr Empfinden so: “ Wie schön ist es, mal wieder hier zu sein“. Kleine Aus-Zeiten im Wald, ein Spaziergang durch die Feldmark, wenn wir das wirklich wollen, können wir alle es täglich in unser Leben einbauen. Die Stimmung im Wald, die veränderten Lichtverhältnisse, die Stille erleben, all das stärkt uns für unseren Alltag und setzt Glückshormone frei.

So auch heute  im Deister, als eines der Mädchen vor mir her ging und sich zu mir umdrehte: „ Heute ist mein Tag der Erinnerungen“, sagte sie mit einem Leuchten im Gesicht.

Bei mir auch.

Danke dafür.

Eure Waldtochter

 

 

 

Amanita muscaria- der Glücksbringer

Gerade kommen wir von einem kleinen Exkurs aus dem Deister und unsere Funde möchte ich Euch nicht vorenthalten: Fliegenpilze.

Amanita muscaria… was für ein wunderschöner Name für diese hochgiftige Schönheit.

Warum der giftige Pilz seit je her ein Glückssymbol ist, weiss man nicht genau. Vielleicht, weil ihm wegen seiner berauschenden Wirkung Zauberkräfte zugeschrieben wurden.Schamanen und Heilkundige nutzten sein Gift wohl dosiert als Heilmittel.

So oder so, er ist wunderschön anzusehen. Und schmackhaft für einige Waldbewohner scheint er zudem auch zu sein; fast alle Exemplare waren angefressen. So habe ich versucht sie von ihrer Schokoladenseite zu erwischen und sie haben sich gern in Szene setzen lassen.

Mittendrin im Tannenwald dann noch eine kleine Überraschung: ein Steinpilz. Eher selten entdeckt man ihn im Deister. Im gegenüber liegenden Höhenzug, dem Süntel, fand mein Opa vor 30 Jahren unzählige Exemplare. Stets in den frühen Morgenstunden, denn niemand sollte von seinen Fundstellen wissen. So hat er diese Geheimnisse mitgenommen nach seinem Tod und mir bleibt die Erinnerung an eine Köstlichkeit abends am Küchentisch der Großeltern. Pilze in der Pfanne angebraten, ein Butterbrot dazu, mehr brauchte es nicht. Vielleicht hatte dort meine Vorliebe für einfache Gerichte ihren Ursprung. Einfache, aber gute Zutaten und kein Chichi lenkt ab vom Geschmack.

Zurück zu den Fliegenpilzen. Vor einigen Tagen sahen die Waldkinder und ich einen eher unscheinbaren , braunen Pilz im Wald, der über und über mit Fliegen besetzt war. „ Das ist ein Fliegenpilz“, sagte eines der Kinder und ich freute mich über diese bestechende Logik. Mir ist nicht wichtig, dass die Waldkinder von Beginn an die Namen der Tiere, Pflanzen oder eben der Pilze kennen. Wichtiger ist mir ihre Wahrnehmung, ihre Fantasie. Da wird aus der großen Vogelmiere eine „ Sternblume“. So sieht sie aus und so nimmt sie das Kind wahr. Im letzten Jahr vor der Schule, dem „ Königsjahr“, sind sie dann wissbegierig und möchten die exakten botanischen Namen wissen. Dann verlassen sie die magische Welt, aber davon erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Bis dahin,

Eure Waldtochter

PS. ….. zu guter letzt noch ein besonderes Exemplar, das wir gefunden haben. Wie auch immer es in den Tannenwald gelangte…. wer wurde damals eigentlich Weltmeister?

Auch auf der Erde gibt es Sterne!

  • Pilze gibt es das ganze Jahr bei uns im Wald und nicht nur im Herbst. Gestern habe ich allerdings gemeinsam mit einem der Waldkinder eine Besonderheit auf dem Waldboden entdeckt: einen Erdstern. Er ist eher selten zu finden, ist auch ungenießbar aber dafür wunderschön anzusehen. Wenn er an das Licht kommt , ist er eine unscheinbare braune Kugel und enfaltet sich dann nach und nach zu einem Stern. Lustig fanden die Kinder, dass er zur Gattung der „ Bauchpilze „ gehört.

Ein Pilzfachmann sagte mir einmal, dass er so große Vorkommen wie im Deister vorher noch nicht gesehen habe. Bei den von uns entdeckten Exemplaren handelt es sich um den gewimperten Erdstern. Na, was für ein Glück für uns!

Die Waldkinder wissen: das allermeiste vom Pilz ist nicht überirdisch zu sehen, sondern wächst sehr verzweigt unter der Erde; das sogenannte Myzel. Es zersetzt morsches Holz und sorgt dafür , dass immer wieder neuer Humus entsteht.

 

Beflügelt von dem tollen Fund machten sich gleich einige der Kinder gemeinsam mit mir auf Pilzsuche. Was wir noch gefunden haben, seht Ihr anhand der Fotos.

Pilze sind wichtig für unser Ökosystem und die Kinder passen immer gut auf, dass sie sie nicht zertreten. Denn oft haben wir schon beobachtet, dass Pilze, die für uns Menschen giftig sind, von Tieren mit Genuß verspeist werden. So fanden wir in einem Fichtenwald einmal eine große Anzahl von Fliegenpilzen(„ Kann der Pilz auch wirklich fliegen, Beate?“), auf denen Wegschnecken saßen und es sich schmecken ließen.

Pilze sind nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen näher mit den Tieren verwandt als mit den Pflanzen. Sie bilden ein eigenes Reich und gehen teilweise Symbiosen mit Pflanzen ein.

In Kürze möchte ich für den Waldkindergarten einen ganz besonderen Pilz anschaffen: den Zunderschwamm. Als Streichholz und Feuerzeug noch nicht erfunden waren, konnten die Menschen mit ihm ein Feuer entfachen. Dazu muss der Pilz, der bevorzugt an absterbenden Bäumen wächst, allerdings noch besonders behandelt werden. Er wird gekocht, getrocknet und anschliessend in Salpeter getränkt. Ich bin gespannt!

Auch Kleidung wurde in früheren Zeiten aus Zunderschwamm hergestellt. Heilkundlich wurde er zur Wundbehandlung genutzt. Erstaunlich, denn gerade über Wunden im Baum gelangt er in den Organismus und beginnt ihn zu zersetzen.

Es ist mir in meiner Arbeit immer wichtig, den Kindern solche alten Kenntnisse näher zu bringen. So bekommen sie ein Gefühl dafür, welche Bedeutung die Natur für uns Menschen hat und wie wir sie nutzen können, ohne gleich in die Apotheke laufen zu müssen. Kinder sind auf eine natürliche Art wissbegierig und neugierig. Diese Fähigkeit können wir nutzen, um sie in die Natur einzubinden und heranzuführen.

Nun wünsche ich Euch einen schönen Herbsttag und seid gespannt auf meinen Bericht vom Lagerfeuer, das mithilfe von Zunderschwamm entfacht wird.

Bis dann,

Eure Waldtochter

 

 

 

Dies ist mein Wald!

Darf ich vorstellen? Das Reich der Waldzwerge!  Man könnte meinen, dies ist das Schloss der Zwergenkönigin und sie schaut gleich neugierig aus dem Fenster heraus.

Hier arbeite ich, im Höhenzug Deister, dem letzten Ausläufer des Weserberglandes. Dahinter beginnt das platte Land, das sich über die Lüneburger Heide bis hin zum Meer erstreckt.

Solch verwunschene Gebilde gibt es hier zuhauf und die Waldkinder hauchen ihnen mit ihrem magischen Denken Leben ein. Da wird ein Stock zum Zauberstab oder ein verzweigter Ast zur Mähmaschine. Toll, sie dabei begleiten zu dürfen.

Jeden Tag entdecken wir etwas neues und schwingen mit den Jahreszeiten mit.

Heute war Waldprinzessinengeburtstagund wir haben ums Lagerfeuer gesessen und uns Würstchen gegrillt. Aus Fleisch und aus Pflanzen?

Mal schaun, was wir morgen entdecken! Vielleicht das Männlein, das im Walde steht auf einem Bein?