„ Ist das nicht ein bisschen weltfremd?“

Vor einigen Tagen gingen wir mit Klaus, dem kleinen Mischlingshund spazieren nahe des Bauwagens am Waldkindergarten. Häufig ist es am Wochenende so, dass zahlreiche Spaziergänger am Deisterhang unterwegs sind und dann anschliessend  im Berggasthaus Ziegenbuche einkehren, um den wunderbaren Kuchen, die Gastlichkeit und den unbezahlbar schönen Ausblick tief in das Weserbergland zu geniessen.

So auch an diesem Tag. Oft beobachte ich dann , dass Menschen vor dem Bauwagen in unmittelbarer Nähe des Gasthauses stehen und sich fragen, wer dort sein Domizil hat. Diesmal war es ein Ehepaar mit Sohn und Freundin. Die junge Frau fragte grad, wo denn wohl hier der Waldkindergarten sei; sie sähe  hier gar kein Gebäude. Ich  hatte den Schlüssel für unseren Bauwagen  dabei und sie freuten sich, als ich ihnen anbot einen Blick hinein zu werfen. „ Hier sieht es aus wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen“, bekomme ich dann schonmal zu hören. Das Ehepaar war sehr interessiert und ich gab bereitwillig Auskunft; bin halt auch immer stolz auf unseren Kindergarten, den wir vor 18 Jahren gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Erstaunt war ich allerdings, als der Mann mich fragte, ob das nicht ein bisschen weltfremd sei, wie wir dort oben im Deister mit den Kindern arbeiten. Als ich noch jünger war, hätte ich vermutlich empört oder trotzig reagiert. Nun aber, nach achtzehn Jahren Erfahrung in der Waldpädagogik, freute ich mich auf eine anregende Diskussion.

Ich erklärte ihm, dass ich der Meinung bin, es ist ganz nah an der Welt, was wir dort tun. Unsere Welt besteht aus Natur, alles andere ist menschengemacht. Was liegt da näher als die Kinder an den Ursprung zurück zu führen? Dorthin, wohin sie ohnehin ganz selbstverständlich gehören und sich zugehörig fühlen. Dorthin, wo sie Kind sein können und geerdet.

Unsere technologische, digitalisierte und zugebaute Welt ist in meinen Augen weltfremd, gab ich ihm zu verstehen. Ich wusste natürlich, wie er seine Frage gemeint hatte. Er hat Sorge, dass die Kinder aus dem wohlbehüteten, idyllischen kleinen Kosmos des Waldes kommen und sich dann in der harten Realität nicht zurecht finden und behaupten können. Doch nur wer schon als Kind eine gute Erdung erfährt, sich beweisen kann, seine Kräfte kennenlernt, Selbstbewusstsein und Selbständigkeit erlangt, wer Stille und Entspannung erlebt, der ist gewappnet für die Welt und sie ist ihm nicht fremd. Ich freute mich, als ich sah, dass der Besucher es versteht.  „ Stimmt schon, und die technologische Welt kommt noch früh genug auf sie zu“. Genau!

Wichtig ist, Kinder zu respektieren, sie zu wertschätzen.

Jede Erzieherin, jeder Erzieher, jede Lehrerin, jeder Lehrer, alle sollten wir uns am Ende des Tages fragen: „Ist es jedem einzelnen Kind bei mir gut gegangen heute? Habe ich es wahrnehmen können mit seinen Bedürfnissen?“

Von Zeit zu Zeit vermisse ich diese emphatische Haltung, wenn ich die Arbeit in Kitas und Schulen beobachte. Immer, auch nach vielen Berufsjahren sollten wir uns reflektieren und unser Verhalten hinterfragen. Oft sind es auch die Rahmenbedingungen, die die Kollegen stressen und es ihnen nicht möglich machen, adäquat auf die Kinder einzugehen. Personalmangel ( und ich meine qualifiziertes Personal), zu grosse Gruppen, immer frühere Beschulung. Die Gesellschaft ist nicht auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet, sondern das Kind muss sich in die Gegebenheiten einfügen. Die Politik gibt Wege vor, die dann von den Kindern, Eltern und Pädagogen beschritten werden müssen. Die Auswirkungen dieser Fehlentwicklungen werden wir vermutlich erst in zwanzig Jahren oder später zu spüren bekommen.

Was habe ich es gut mit meinen fünfzehn Waldkindern, die ich gemeinsam mit zwei Kollegen gut betreuen und im Blick haben kann.

Ich bin sehr dankbar dafür.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag!

Eure Waldtochter

Hier noch ein Link zu der Freien Schule Weserbergland, die noch sehr jung ist und eine spannende Entwicklung durchlebt:

http://www.freie-schule-weserbergland.de/

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