Gelber Schnee

Liebe Leute,

der Umzug ist geschafft, die Kartons und Kisten grösstenteils ausgepackt und ich kann mich endlich mal wieder so erfreulichen Dingen wie meinem Blog zuwenden. Wie schön! Die Tiere fühlen sich wohl im neuen Zuhause und ich möchte einmal erzählen, wie es den Waldkindern in den vergangenen Wochen ergangen ist.

Das Sturmtief Friederike zwang uns leider für drei Wochen den Wald zu verlassen und in unseren Sturmraum in der Stadt umzuziehen.   Unser Förster riet uns, auch nach Abzug des Sturmes den Wald noch nicht zu betreten. Über viele Wochen hatte Dauerregen den Boden tief und schlammig gemacht und es bestand akut die Gefahr , dass Bäume, die bereits durch den Sturm ” angeschoben ” waren, noch umstürzen konnten.

So machten wir kleine Ausflüge in die Bücherei, in den nahegelegenen Kurpark oder auf den Wochenmarkt, wo wir für einen bunten Obstsalat einkauften.

Seit einer Woche dürfen wir nun endlich wieder in unseren Wald und schauten uns erstmal um, welche Veränderungen der Sturm im Wald verursacht hat. Bestandsaufnahme: viele umgestürzte Fichten, die sich mit ihren flachen Wurzeln im nassen Boden nicht mehr halten konnten. Eine alte Eiche, die im vergangenen Sommer noch ein Hornissennest und Spechthöhlen beherbergt hatte, ging in die Knie und zerbarst.

Die Stürme werden häufiger, das Wettergeschehen immer unberechenbarer. Waren wir in den ersten Waldkindergartenjahren ein- oder zweimal im Sturmraum, so sind es mittlerweile ganze Wochen, die wir dort verbringen. Deuteten früher viele Bucheckern auf dem Waldboden auf einen bevorstehenden harten Winter hin, so ist dies mittlerweile kein sicheres Indiz mehr. Der Wald, die Natur ist selbst verwirrt und gerät aus dem natürlichen Rhythmus.

Wieder im Wald angekommen, bescherte uns das Wetter ein kleines Schnee- Intermezzo. Endlich kein Sturm mehr, vorbei der Regen und weggewischt der dauergraue Himmel. Sonne und Schnee! Eisgebilde und Schneemänner! Rodeln und Rutschen! Das tat gut!

Nun kümmerten wir uns auch wieder um die Vögel, die den Winter bei uns im Deister verbringen. Fett und Körner wurden angerührt und in Futterglocken gefüllt. Kaum hingen diese, bekamen wir Besuch von Meise, Buchfink und Specht. Dankbar nahmen sie unser Futterangebot an.

Der Dauerfrost hindert die Kinder nicht daran, draussen kreativ zu sein. So sammelten sie Schnee in Töpfen und mischten ihn mit Malkreide, die sie fein zerrieben. Sie überraschten mich mit gelbem, blassblauem und rosafarbenem Schnee. Immer wieder Dinge zweckentfremden, sich ausprobieren, experimentieren… das ist es, was Kinder brauchen und wo sie Freiraum, Ermunterung und Unterstützung von uns bekommen können.

Selbst im nicht für Kinder ausgelegten Sturmraum wussten sie sich phantasievoll auszuleben. Da entstand auf dem Fussboden der Meeresgrund mit unzähligen Fischen und Meerjungfrauen, mit Kraken, Seeschlangen und Korallenriffen. Gemeinsam durchquerten wir das Meer und schwammen auf eine Insel, auf der eine Schatzkiste, gefüllt mit selbstgebastelten Gold-und Silbermünzen auf uns wartete.

Nun hat uns aber der Wald zurück und wir dürfen die ersten Schneeglöckchen begrüssen. Auch der Bärlauch schaut schon mit seinen ersten grünen, nach Zwiebeln und Knoblauch duftenden Spitzen aus der gefrorenen Erde heraus. Warum er Bärlauch heisst und was die Waldkinder mit ihm anstellen, darauf dürft Ihr nun schon gespannt sein!

Herzlichst,

die Waldtochter

 

 

Ein Weihnachtsbaum für die Tiere

” Die Tiere im Wald sollen es doch auch schön haben!” So lautete heute die Antwort eines Waldkindes auf die Frage, warum Möhren und Äpfel an eine kleine Buche im Deister gehängt werden.

Ein Weihnachtsbaum für die Tiere, das ist liebgewonnene Tradition im Waldkindergarten nun schon zum 18. Mal. Es macht uns und den Kindern einmal mehr bewusst, dass wir Gäste sind im Wald und in friedlicher Koexistenz mit den Tieren leben wollen. Es ist ihr Lebensraum, in dem wir uns täglich bewegen. Wir nehmen Rücksicht auf sie, gehen beispielsweise in den Frühjahr- und Sommermonaten nicht in den  ” Zauberwald”, weil dort viele Vogelarten um diese Zeit brüten und dabei ungestört von uns sein sollen. Es ist der Respekt vor der Natur, den Tieren, den Pflanzen, den die Kinder ganz selbstverständlich erfahren und erlernen . Kinder sind da noch unglaublich offen, sie öffnen allem ihr Herz und sind von Natur aus empathisch. So erlebe zumindest ich es im Wald. Nur was sie kennenlernen, werden sie schätzen, schützen und lieben, so meine Hoffnung.

Ich bin immer wieder gespannt auf Begegnungen mit ehemaligen Waldkindern. Wie haben sie die Zeit erlebt? An was erinnern sie sich? Welche Gerüche sind ihnen noch präsent; welche Gefühle können sie auch heute noch nachspüren? Ist das pädagogische Konzept aufgegangen und was werden sie selbst weitergeben wollen an ihre Kinder? Die ersten Waldkinder aus dem Anfangsjahr sind nun schon Anfang 20 und könnten sicher einige meiner Fragen beantworten.

Nun war heute also der letzte Kindergartentag vor den Weihnachtsferien. Zwei Wochen  den Waldrucksack in die Ecke stellen, aufwärmen, Kraft tanken, bevor es im Januar dann weitergeht.

Nachdem wir den Tierbaum geschmückt hatten, trafen wir uns mit Eltern, Großeltern und Geschwistern an unserem selbstgebauten Stall im nahegelegenen Tannenwald zum Krippenspiel. ” Weihnachten im Stall” von Astrid Lindgren ist unsere Vorlage und unser Handlungsstrang. Die Kinder sind frei in ihrer Rollenauswahl und so hatten wir diesmal zwei Marias, die Josef zum Stall begleiteten. Schön war es wieder und feierlich wurde uns ums Herz. Alle Aufgeregtheit und aller Trubel der vergangenen Stunden war verflogen und alle stille Aufmerksamkeit galt dem kleinen Kind in der Krippe. Tiere und Menschen friedlich miteinander im Stall und über allem leuchtete der Stern.

Da war Weihnachten spürbar und nachdem wir alle gemeinsam ” Ihr Kinderlein kommet” gesungen hatten, machten wir uns auf den Weg zurück zum Waldkindergarten, um uns dort in die Ferien zu verabschieden. Das eine oder andere Kind zeigte seinen Eltern stolz den Weihnachtsbaum für die Tiere und spätestens nach dem zweiten Weihnachtstag werden sie neugierig schauen gehen, ob schon alles aufgefressen ist.

Wie gestalten wir Weihnachten mit den Kindern? Was steht im Fokus? Sind es die Geschenke oder aber auch die kleinen, stillen Dinge, die der Weihnachtszeit ihren Sinn und ihren Zauber geben? Es liegt an uns , welche Erinnerungen die Kinder später daran haben und weitergeben.

Leider lag kein Schnee heute im Deister, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Für die Tiere im Wald ist bestens gesorgt, die Feiertage können kommen!

Schöne Weihnachten!

Eure Waldtochter

Still!

 

Hinaus gehen in den Wald, statt zum Therapeuten? Kann die Stille des Waldes wirklich helfen?

Es erscheint uns sicher manchmal einfach zu simpel, wenn wir den Rat bekommen, doch mal wieder in den Wald zu gehen. Allein. Ohne Hund. Ohne Partner. Ohne das omnipräsente Handy. Stille erleben, fühlen, in sich selbst hinein horchen. Das eigene Herz spüren, den Puls wahrnehmen. Selbst in unseren Wäldern ist dies nur eingeschränkt möglich; zu nah ist der Straßenverkehr, die Flugzeuge über uns. Aber wir können den Pegel herunterfahren, dem übersteuerten  Gehirn eine kleine Pause gönnen. Einen einzelnen Vogel zwitschern hören. Die letzten welken Blätter an den winterkahlen Bäumen rascheln hören. Oft ist in meinem Kopf ein leichtes Piepen, wenn ich dem Weg in den Langen Grund im Deister hinunter gehe. Dorthin dringen  kaum Verkehrsgeräusche und mein Gehirn muss sich erst einjustieren auf die Ruhe. Denn Ruhe ist es, die ich dort unten erfahre. Stille ist es nicht, denn es sind ja immer Geräusche da.

Unseren Hörsinn können wir nicht abschalten, er ist immer auf Empfang. Wenn wir einmal nichts mehr sehen möchten, halten wir uns die Augen zu. Die Ohren zuhalten funktioniert nur bedingt; ganz abschirmen lassen sich die Außengeräusche nicht, und schon gar nicht die von innen kommenden.

” Still jetzt….” , bitte ich die Waldkinder jeden Tag im Morgenkreis, wenn wir uns an die Hände fassen, um uns zu begrüßen . Ganz leise wird es dann und wir lauschen gemeinsam auf die Stimmen des Waldes. So kommen wir an, switchen um und schlüpfen zusammen in den Wald-Tag. Mittags beim Abholen dann ist sie wieder präsent, die Umwelt mit Terminen, Verpflichtungen und Zwängen selbst bei den Kindern schon. Turnen, Klavierunterricht, Schwimmkurs. ” Möchtet Ihr nächste Woche Donnerstag zusammen spielen?” Das können die Kinder doch jetzt noch nicht wissen. Was ist nächste Woche Donnerstag? Mit wem mag ich dann spielen? Wie geht  es mir nächste Woche? Da bleibt weniger Raum für spontane soziale Kontakte und Spielsituationen. Statt dessen schon Terminplanung. Erfreulicherweise sind aber die meisten   Eltern  trotzdem so flexibel, dass sie auf die zeitnahen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und ihren Wünschen entsprechen können. Darüber bin ich froh. Aber es wird immer schwieriger, denn das von der Politik und Wirtschaft durchaus gewollte Familienmodell sieht vor, dass beide Elternteile dem Arbeitsmarkt möglichst früh wieder zur Verfügung stehen. Viele Eltern möchten oder müssen dies mittlerweile auch. Das schränkt die zeitlichen Möglichkeiten natürlich ein. Dann ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt und ich wähle bewusst diese Reihenfolge. Es ist häufig leider ein erwachsenenfreundliches Modell, an den Bedürfnissen der Kinder vorbei, wie ich finde und erlebe.

Aber zurück zur Ruhe, zur Stille. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich Mühe habe sie zu ertragen. Zu sehr ist mein Gehirn schon auf Dauerbeschallung gepolt. Sowie es ruhig ist, muss Ablenkung her. Sonst wäre ich ja zu sehr bei mir. Zu konkret auf mich reduziert, müsste meine Gedanken “hören” und mich mit ihnen auseinandersetzen. Neulich las ich einen Spruch:” Nachdenken ist wie Schaukeln; man hat etwas zu tun, kommt aber nicht wirklich weiter”. Das sehe ich anders. Dort unten im Langen Grund wird der Kopf klar beim Nachdenken. Es entsteht Kreativität, es kommen Ideen. Verstrickungen entwirren sich. Die Ruhe bringt Erkenntnisse; Gedanken können fliessen. Tief einatmen. Der Atemrythmus normalisiert sich. Atmen wird wieder bewusst erlebt. Oft sind wir einfach nur noch atemlos und aus dem Gleichgewicht. Gerade paradoxerweise jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Vieles können wir selbst heilen, wir müssen es uns nur erlauben und uns Zeit dafür nehmen. ” Ich habe keine Zeit” ist ein häufig getätigter Ausspruch. Doch die Zeit ist da, es liegt nur an uns, wie und wofür wir sie nutzen. Langeweile darf nicht sein, dabei ist sie etwas unglaublich wichtiges. Aus Langeweile entsteht Kreativität, in Gedanken und in Taten. Langeweile ist das Herunterfahren und neu Hochfahren. Es erlaubt uns ein Innehalten und neu beginnen. Der Wald, die Natur kann uns dabei helfen. Dort bekommen wir alles, was wir brauchen. Vogelgezwitscher inklusive.

Wenn der Weg von der Talsohle dann  hinaufführt an den Deisterrand bin ich wieder bereit für Hundegebell, Strassenlärm, Kindergeschrei , Musik und Kommunikation.

Es kann weitergehen!

Eure Waldtochter

 

Weihnachtszeit: Ein Versuch der Entschleunigung

” Wenn du ein Träumer bist, komm herein!

Wenn du träumst und lügst und Wünsche hast,

wenn du fromm bist und Zauberbohnen magst,

wenn du ein Aufschneider bist-

komm, setz dich ans Feuer!

Wir erzählen uns Märchen, du und ich,

seltsam und golden und nicht ganz geheuer.

Komm herein!

Komm herein!”

Shel Silverstein

Wie oft hört man in der Vorweihnachtszeit, wie stressig doch alles sei und wie hektisch. Den wahren Sinn der Weihnacht’ haben wir längst vergessen. Geschenkejagd, Plätzchenstress, gereizte Mitmenschen und mittendrin wir. Nun, ganz davon freimachen kann auch ich mich nicht. Jedoch, die Adventszeit im Waldkindergarten gestalte ich sehr bewusst stress- und terminarm. Auch wenn dafür interessante Angebote hinten anstehen müssen oder Termine nicht wahrgenommen werden ; dort oben im Wald ist Ruhe, Vorfreude und Gelassenheit angesagt. Die Kinder spüren ohnehin die Aufregung und Geschäftigkeit ihres Umfeldes und sind quirliger als den Rest des Jahres. Jede Kollegin, jeder Kollege in anderen Kindertageseinrichtungen  kennt dieses Phänomen. Da heisst es einen Gegenpol zu schaffen . Die Kinder sind dankbar dafür. Wir schauen von dort oben auf das hektische Treiben in der Stadt, bereiten derweil Futterglocken für die einheimischen Vögel, staunen über die Rehspuren  im Schnee oder freuen uns am Glanz der ersten Adventskerze.

Wir erzählen uns die Geschichte von der Weihnachtsmaus, die dafür verantwortlich ist, dass das Weihnachtsgebäck schon lange vor dem Fest wie von Zauberhand verschwindet. James Krüss sei Dank!

Jeden Tag darf eines der Kinder ein Säckchen am Adventskalender öffnen und die Zaubernuss ganz nah ans Ohr halten und schütteln. Sie birgt ein Geheimnis und mithilfe des Nußknackers wird es dann gelüftet: ein Edelstein!

Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien schmücken die Waldkinder einen Baum für die Tiere im Wald, den sie selbst aussuchen. Versteckt im Dickicht steht dann ein Baum, behangen mit Möhren, Äpfeln und vielem mehr, den wir zum Abschluß umringen und Weihnachtslieder  singen. Dann wandern wir zu der aus Ästen und Zweigen selbstgebauten Krippe und laden die Familien der Kinder ein uns zuzuschauen. Das Märchen von der Frau und dem Mann, die in einer kalten Winternacht eine Bleibe suchen und deren Kind in einem Stall geboren wird, spielt auch im Waldkindergarten eine Rolle. Wir lehnen uns dabei an das Buch ” Weihnachten im Stall” von Astrid Lindgren an. Die Kinder dürfen mitentscheiden, welche Figuren mitspielen dürfen in der Geschichte und so hatten wir auch schon einmal einen Frosch dabei.

” Engel?

Gesehen nie.

Gehört einiges.

Manchmal- öfter schon,

wenn’s mich gerade

so im letzten Moment zurückhält

von was, das schlimm verkehrt wär,

dann frage ich mich doch:

Ob das ein Engel war?

Oder was sonst?

Was denn?

Etwas war’s.”

Hilde Roth

Heute Nacht hat es zu schneien begonnen. Zeit für einen Spaziergang mit dem Hund durch den Deister. Hell ist es geworden und das tut gut nach dem Grau der vergangenen Tage. Ein Rotkehlchen schüttelt den Schnee von den Ästen. Der Hund sucht nach seinem Stöckchen und wir genießen die kalte, klare Luft.

Es ist in jedem Jahr wieder eine Herausforderung den Weihnachtsstress vor der Tür zu lassen. Er schleicht sich gern doch hinein mit einem noch zusätzlich angenommenen Termin oder dem Wunsch, ein perfektes Weihnachtsmenu in einem schön geschmückten Ambiente zu servieren. Von Jahr zu Jahr habe ich es reduziert auf das, was für mich wirklich wichtig und unverzichtbar ist. Eine gewisse Konsequenz ist hier unabdingbar. Als die Kinder klein waren, war mehr Fülle und mehr Glanz und auch diverse Weihnachtsfeiern mussten absolviert werden. Nun ist mehr Ruhe und Gelassenheit und die Termine  lassen Raum für Entspannung.

Winterwunschnacht

” Kalt ist’s, der Atem dampft gegen die Laternen, und über der Mütze schnuppt ein Stern quer in den Himmel.

Wünsch dir was, wünsch dir was, was keiner von uns erfüllen wird, und behalte den Wunsch für dich, damit er wachsen kann.

Und jetzt wünsch dir was, was ich erfüllen kann, und sag’s mir ins Ohr, ich will dein Wunscherfüller sein.

Da schnuppt schon wieder einer quer in den Himmel, jetzt wünsch ich mir was.

Kalt ist’s, der Atem dampft gegen die Laternen.”

Fritz Deppert

Schöne Vorweihnachtszeit!

Die Waldtochter

Tonscherben auf dem Mist, oder: Geschichte zum Anfassen.

In meinem Beitrag ” Schätze auf dem Stoppelfeld” habe ich Euch  erzählt von Keramikscherben, die die Waldkinder von Zeit zu Zeit in den Ackerfurchen am Deisterrand finden. Woher stammen sie? Und wie gelangten sie auf die Felder? Um solche Fragen zu klären, nehme ich ein Buch in die Hand um es herauszufinden. Häufig dann im Anschluß das Telefonbuch. Denn dann rufe ich jemanden an, der sich besser damit auskennt als ich. In diesem Fall eine Keramikrestauratorin, die auch eine ehemalige Waldmutter ist und aktiv das Museum in Bad Münder mitgestaltet. Vor einigen Jahren gab es dort eine Sonderausstellung ” Von Pottland in die ganze Welt”. Ich war mir sicher, sie kann uns etwas über unsere Scherben erzählen. Deshalb machte ich mich gemeinsam mit den Vorschulkindern auf den Weg in die Stadt; im Gepäck unsere Fundstücke.

Wir breiteten diese auf dem großen Museumstisch aus und Monika war begeistert. Zum größten Teil hatten wir Scherben gefunden, die von Töpferwaren aus münderscher Produktion stammten. Was Ton ist, wussten die Kinder, denn wir hatten erst vor kurzem selbst getöpfert im Waldkindergarten.

Eine der Scherben  konnte die Keramikrestauratorin sogar einem Gefäß aus dem Mittelalter, einer Art Milchschale zuordnen. Wie toll! Eine weitere entpuppte sich als Teil eines Standbeines einer sogenannten Kochgrape, dem damaligen Kochgeschirr.

Wir waren erstaunt und begeistert. Nachdem wir uns das große Wandrelief angeschaut hatten, auf dem der Fundort einer größeren Tongefäßmenge dargestellt war, gingen wir gemeinsam zum Bürgerhaus  hinüber

.

Hier handelt es sich um ein vom Museum aufgekauftes , 1752 erbautes Fachwerkhaus. Es wurde mit großer Liebe zum Detail von engagierten Museumsmitarbeitern in den Zustand um 1880 zurück versetzt, als ein Schuster mit seiner Mutter und Schwester dort lebte. Hier wollten wir dem Geheimnis der Scherben von den Feldern auf die Spur kommen.

Die Kinder konnten die alte Räucherküche mit der offenen Feuerstelle anschauen; sie erfuhren, dass auch der Stall für die Kuh mit ins Haus integriert war. Sie sahen die Schlafstube, zu der man über eine steile Treppe gelangte und sie tappten fast in das Fettnäpfchen, das unter dem aufgehängten Schinken in der Diele steht.

Richtig interessant wurde es dann auf dem Hinterhof des Hauses. Dort befindet sich das Plumpsklo über dem Misthaufen. Erstaunt stellten die Kinder fest, dass es zur Zeit des Schusters noch kein Klopapier gab und stattdessen ein Körbchen mit Heu bereit stand.

Neben dem Klo dann der Misthaufen, auf dem damals alles landete, was nicht mehr gebraucht wurde; unter anderem auch kaputte Schalen, Tassen oder Teller. Zweimal im Jahr brachte man diesen Mist mit Karren dann auf die Felder rund um die Stadt und somit war klar: wir hatten die Antwort auf unsere Frage gefunden.

Ich bin sicher: diesen Teil Geschichte unserer Stadt werden die Kinder verinnerlicht haben, denn sie war zum Anschauen und Anfassen. Sie haben auf diese Weise Gelegenheit bekommen die geschichtlichen Zusammenhänge ganz plastisch zu erfahren. So geht Geschichte, zumindest dann, wenn man noch nicht lesen und schreiben kann. Sich gemeinsam auf die Suche machen, Orte besuchen und Menschen befragen; so möchte ich den Kindern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie  Wissen über ihren Lebensraum und dessen Geschichte bekommen.

” Museum habe ich mir aber ganz anders vorgestellt”, so sagte eines der 5- jährigen Mädchen. Wie, das wollte sie nicht sagen. Vielleicht konnte sie das auch nicht, weil da ganz andere Bilder in ihrem Kopf gewesen waren und nun erstmal verknüpft werden mussten mit dem gerade Erlebten. Es ist so spannend die Kinder dabei begleiten zu dürfen. Ich freue mich schon auf unsere nächste Entdeckung und den ganz natürlichen Forscherdrang der Kinder, den ich gern unterstütze!

Eure Waldtochter

 

 

„Wir wünschen: „ Gute Sohlen“ !

Die Herbststürme im Deister beginnen und begleiten auch  die Waldkindergartengruppe. Solange die Temperaturen noch recht mild sind, gehen wir aber nicht in unseren Sturmraum in der Stadt, sondern besuchen unsere „Gute Stube“, den sogenannten „ Langen Grund“. Dies ist eine Talsenke , über die der Wind hinweg fegt. Ein steiler Fußweg führt dort hinunter und die Kinder laufen flott von Haltepunkt zu Haltepunkt. Dort sammelt sich die Gruppe jeweils, um auf die jüngeren Kinder zu warten. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, dass dort unten fast völlige Windstille herrscht. Wir stehen dann und lauschen staunend, wie der Sturm oben auf dem Berg laut tost wie das Meer. 

Ein spannender Platz auch deshalb, weil es dort ein „Hexenhaus“ gibt, das die Fantasie der Kinder anregt und sie auch ein wenig schaudern lässt. Der einzige Bewohner des kleinen, roten Backsteinhäuschens ist aber  keine Hexe, sondern ein Uhu, der es sich im Giebel gemütlich gemacht hat. Vor einigen Jahren, als wir nicht wussten, wer da wohnt, waren wir nicht leise und vorsichtig genug herangegangen an das Häuschen. Wie erschraken wir, als da plötzlich dieser große Vogel mit der imposanten Flügelspannweite herausgeflogen kam, dicht über unsere Köpfe flog und im Wald verschwand.

Außerdem kann man im  „Langen Grund“ an der Fohlenwiese ein wunderbares Echo erzeugen und so schallt es „„Haaaallooo!“ oder  „Eeechooo!“ durch das Tal. Gespannt lauschen wir dann auf die Antwort vom Berg her und werden nicht enttäuscht.

In dieser stürmischen Woche nun hatten wir es uns zum Frühstücken dort unten gemütlich gemacht, als ich unten, am Grund der Talsohle eine rote Hose durch die Bäume leuchten sah. Ein einzelner Wanderer kam des Weges. Nach einigen Minuten hatte er uns erreicht und die Kinder begrüssten ihn freundlich. Wir erfuhren, dass der Wanderer Thomas heisst und dabei ist sich einen Traum zu erfüllen. Er erwandert den Fernwanderweg E1, der vom Nordkap bis hinunter nach Sizilien führt. Die 7000 Kilometer Fußweg möchte er in einem Jahr bewältigen und ist seit Mai diesen Jahres unterwegs. Am Anfang stand eine Fahrt mit den Hurtigruten und nun war er mittlerweile bei uns im Deister angekommen.

Sein nächstes Etappenziel sei Hameln, verriet er uns. Wir hatten viele Fragen an ihn: „Wo schläfst Du denn?“ „ Tun Deine Füße nicht weh?“ „Wie schwer ist Dein Rucksack?“ Bereitwillig beantwortete Thomas alle Fragen  und als ich erwähnte, dass ich auch gern einmal eine längere Wanderung machen würde und mir dies für die Zeit nach dem Berufsleben vorgenommen habe, musste er lachen. Das höre er so oft, sagte er. Alle möchten ihre Träume erst verwirklichen, wenn sie im Rentenalter sind. Aber sind wir dann alle körperlich noch fit genug? Wäre es nicht sinnvoller, jetzt und gleich eine Auszeit zu nehmen und einfach loszuwandern? Wir alle haben unsere Verpflichtungen oder  Zwänge, die wir uns selbst auferlegt haben. Sie hindern uns daran, eine solche Unternehmung zu planen und durchzuführen. Denn einfach eben mal loswandern geht ja auch nicht, da gibt es im Vorfeld einiges vorzubereiten. Fasziniert hörten wir Thomas‘ Erzählungen. Die vergangene Nacht hatte er in einer Wanderhütte unweit des „ Langen Grundes“ verbracht und war froh, dass das Dach dicht war, als Regen einsetzte. Bestimmt eine Herausforderung, sich so zu reduzieren. Viele Stunden allein unterwegs und sicher auch oft mal Hunger und einen schmerzenden Rücken aushalten müssen. Aber sicherlich entschädigt häufig auch die Landschaft, durch die er wandert oder die freundlichen Menschen, die ihm eine Jacke schenken oder ein Bett für die Nacht anbieten.

Wir haben uns sehr gefreut Thomas kennenzulernen und  wünschen ihm, dass sich sein Traum erfüllt und er gut in Italien ankommt. Er schreibt einen Blog mit seinen Wandererlebnissen als eine Art Tagebuch. So kann man ihn ein wenig begleiten auf seinem Weg. Einen Gruß für Wanderer hat er sich selbst einfallen lassen und so wünschen wir Thomas für seinen weiteren Weg:

„ Gute Sohlen!“

Haltet Euch gut fest in diesen stürmischen Herbsttagen!

Eure Waldtochter

Hier noch der Link zu Thomas‘ Blog zum Lesen und Weiterverteilen:

http://e1-traum.de/

 

„ Ist das nicht ein bisschen weltfremd?“

Vor einigen Tagen gingen wir mit Klaus, dem kleinen Mischlingshund spazieren nahe des Bauwagens am Waldkindergarten. Häufig ist es am Wochenende so, dass zahlreiche Spaziergänger am Deisterhang unterwegs sind und dann anschliessend  im Berggasthaus Ziegenbuche einkehren, um den wunderbaren Kuchen, die Gastlichkeit und den unbezahlbar schönen Ausblick tief in das Weserbergland zu geniessen.

So auch an diesem Tag. Oft beobachte ich dann , dass Menschen vor dem Bauwagen in unmittelbarer Nähe des Gasthauses stehen und sich fragen, wer dort sein Domizil hat. Diesmal war es ein Ehepaar mit Sohn und Freundin. Die junge Frau fragte grad, wo denn wohl hier der Waldkindergarten sei; sie sähe  hier gar kein Gebäude. Ich  hatte den Schlüssel für unseren Bauwagen  dabei und sie freuten sich, als ich ihnen anbot einen Blick hinein zu werfen. „ Hier sieht es aus wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen“, bekomme ich dann schonmal zu hören. Das Ehepaar war sehr interessiert und ich gab bereitwillig Auskunft; bin halt auch immer stolz auf unseren Kindergarten, den wir vor 18 Jahren gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Erstaunt war ich allerdings, als der Mann mich fragte, ob das nicht ein bisschen weltfremd sei, wie wir dort oben im Deister mit den Kindern arbeiten. Als ich noch jünger war, hätte ich vermutlich empört oder trotzig reagiert. Nun aber, nach achtzehn Jahren Erfahrung in der Waldpädagogik, freute ich mich auf eine anregende Diskussion.

Ich erklärte ihm, dass ich der Meinung bin, es ist ganz nah an der Welt, was wir dort tun. Unsere Welt besteht aus Natur, alles andere ist menschengemacht. Was liegt da näher als die Kinder an den Ursprung zurück zu führen? Dorthin, wohin sie ohnehin ganz selbstverständlich gehören und sich zugehörig fühlen. Dorthin, wo sie Kind sein können und geerdet.

Unsere technologische, digitalisierte und zugebaute Welt ist in meinen Augen weltfremd, gab ich ihm zu verstehen. Ich wusste natürlich, wie er seine Frage gemeint hatte. Er hat Sorge, dass die Kinder aus dem wohlbehüteten, idyllischen kleinen Kosmos des Waldes kommen und sich dann in der harten Realität nicht zurecht finden und behaupten können. Doch nur wer schon als Kind eine gute Erdung erfährt, sich beweisen kann, seine Kräfte kennenlernt, Selbstbewusstsein und Selbständigkeit erlangt, wer Stille und Entspannung erlebt, der ist gewappnet für die Welt und sie ist ihm nicht fremd. Ich freute mich, als ich sah, dass der Besucher es versteht.  „ Stimmt schon, und die technologische Welt kommt noch früh genug auf sie zu“. Genau!

Wichtig ist, Kinder zu respektieren, sie zu wertschätzen.

Jede Erzieherin, jeder Erzieher, jede Lehrerin, jeder Lehrer, alle sollten wir uns am Ende des Tages fragen: „Ist es jedem einzelnen Kind bei mir gut gegangen heute? Habe ich es wahrnehmen können mit seinen Bedürfnissen?“

Von Zeit zu Zeit vermisse ich diese emphatische Haltung, wenn ich die Arbeit in Kitas und Schulen beobachte. Immer, auch nach vielen Berufsjahren sollten wir uns reflektieren und unser Verhalten hinterfragen. Oft sind es auch die Rahmenbedingungen, die die Kollegen stressen und es ihnen nicht möglich machen, adäquat auf die Kinder einzugehen. Personalmangel ( und ich meine qualifiziertes Personal), zu grosse Gruppen, immer frühere Beschulung. Die Gesellschaft ist nicht auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet, sondern das Kind muss sich in die Gegebenheiten einfügen. Die Politik gibt Wege vor, die dann von den Kindern, Eltern und Pädagogen beschritten werden müssen. Die Auswirkungen dieser Fehlentwicklungen werden wir vermutlich erst in zwanzig Jahren oder später zu spüren bekommen.

Was habe ich es gut mit meinen fünfzehn Waldkindern, die ich gemeinsam mit zwei Kollegen gut betreuen und im Blick haben kann.

Ich bin sehr dankbar dafür.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag!

Eure Waldtochter

Hier noch ein Link zu der Freien Schule Weserbergland, die noch sehr jung ist und eine spannende Entwicklung durchlebt:

http://www.freie-schule-weserbergland.de/

„ Heute ist mein Tag der Erinnerungen“

Etwas weiches, etwas hartes, etwas stacheliges, etwas besonderes, etwas , das gut riecht…. Lang war die Liste der Dinge, die zwölf ehemalige Waldkindergarten-Kinder im Wald sammeln sollten an diesem wunderbaren, sonnigen Herbsttag im Deister.

Zweimal im Jahr laden wir die ehemaligen Kinder zu uns in den Wald ein, um ihren alten Kindergarten zu besuchen. Wir überlegen uns ein kleines Programm, aber selbst das könnten wir uns sparen. Beseelt von den Erinnerungen sind die Kinder einfach zufrieden damit, in  „ihrem Wald“ zu sein. Bekannte Plätze wiederzusehen, wieder einmal das Schnitzmesser in der Hand zu halten, am Lagerfeuer eine Kürbissuppe zu essen, den Waldgeräuschen zu lauschen… mehr braucht es nicht an diesem Tag.

Sie bekamen nach der Begrüssung eine Such-Liste und machten sich auf den Weg. Die „ Steinklippen“ und der „ Tannenwaldi“, dies waren die beiden Plätze, an die sie sich sofort erinnerten und die sie besuchen wollten. Unterwegs suchten sie emsig und verglichen, was ihnen noch fehlte.

Strahlender Sonnenschein begleitete uns und plötzlich spürte ich eine Kinderhand in meiner, genau wie früher, nur mit dem Unterschied, dass das ehemalige Waldkind nun schon die zweite Klasse besucht. Ich spürte eine innige Verbindung zu mir als Erzieherin und zur Natur, in der sie sich ganz selbstverständlich bewegten, so als seien sie mal wieder zuhause vorbei gekommen.

Was für ein Glücksgefühl, diese Kinder dabei zu beobachten, wie sie tief einatmen und sich zuhause fühlen. Wunderbar zu erleben, dass ihr Bezug zur Natur Wurzeln geschlagen hat in ihnen und die Arbeit im Wald mit ihnen sie geprägt hat.

Nachdem wir einen ausgedehnten Spaziergang zu den Plätzen ihrer Kindergartenzeit unternommen hatten, kamen wir wieder am Bauwagen an. Wir entzündeten ein Lagerfeuer und stärkten uns an Bratwürstchen, die wir auf Stöckchen spießten und einer wärmenden Kürbissuppe. Ich musste sie mehrmals zum Essen rufen, so beschäftigt waren sie mit dem Bau einer Seilbahn , dem Schnitzen oder Klettern. Ein Mädchen malte ein Bild und schenkte es dem Kindergarten.

Die kleinen Naturmaterialien, die sie mithilfe der Liste gesammelt hatten, legten sie gemeinsam zu einem Wald-Mandala zusammen.

Ein solcher Tag ist eine grossartige Bestätigung unserer Arbeit. Kinder brauchen die Natur, und nicht nur sie. Auch ihre Eltern die gegen Abend dazu kamen , äusserten ihr Empfinden so: “ Wie schön ist es, mal wieder hier zu sein“. Kleine Aus-Zeiten im Wald, ein Spaziergang durch die Feldmark, wenn wir das wirklich wollen, können wir alle es täglich in unser Leben einbauen. Die Stimmung im Wald, die veränderten Lichtverhältnisse, die Stille erleben, all das stärkt uns für unseren Alltag und setzt Glückshormone frei.

So auch heute  im Deister, als eines der Mädchen vor mir her ging und sich zu mir umdrehte: „ Heute ist mein Tag der Erinnerungen“, sagte sie mit einem Leuchten im Gesicht.

Bei mir auch.

Danke dafür.

Eure Waldtochter

 

 

 

Schöne Dinge- Mini Homestory Teil 1

Hallo liebe Leser,

in den vergangenen Tagen sind viele Besucher auf meinem Blog gewesen und das freut mich sehr. Es ist ja irgendwie ein wenig wie Tagebuch schreiben, in dem andere Menschen mitlesen. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass es da draussen in der Welt, wo auch immer, Menschen gibt, die ähnliche Ansichten haben wie ich, die schön finden, was ich schön finde. Die Interesse an der Waldpädagogik haben oder einfach nur die Liebe zur Natur teilen. Ich freue mich über jeden von Euch.

Was ich schreibe, kommt aus mir und von Herzen. Neulich las ich im Kundenmagazin einer großen Drogerie-Kette den Ausspruch eines Schauspielers und Kabarettisten: “ Ich bin kein Intellektueller, aber ich mache mir meine Gedanken“. Das hat mir gut gefallen und würde ich auch mir zuordnen können. Mir ist wichtig, dass ein Mensch sein Herz am rechten Fleck hat( aber bloss nicht rechts im Sinne von Politik! ) und über einen gesunden Menschenverstand verfügt. Da ist der Schulabschluss nebensächlich.

Ich habe festgestellt, dass Menschen, die sich regelmässig in der Natur aufhalten und bewegen, gesünder sind an Körper und Geist. Ich behaupte, dass das Grundproblem der Menschheit ist, dass sie sich zu weit von der Natur, von ihren Wurzeln entfernt hat und sich allzu viel mit Ersatztätigkeiten aufhält. Wir spüren nicht mehr immer, in was wir eigentlich eingebunden sind. Würden wir es spüren, wären wir nicht permanent damit beschäftigt, unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Würden wir uns als Teil der Schöpfung begreifen, täten wir dies nicht. Ich bin politisch interessiert, nehme mein Grundrecht der freien Wahl auch wahr, weil ich es zu schätzen weiss, aber bin politisch aktiv lieber in meinem eigenen, kleinen Rahmen. Die Arbeit mit den Kindern im Wald ist mein Beitrag. Ich verbinde damit die Hoffnung, als Multiplikator tätig zu sein und es diesen kleinen Menschen zu ermöglichen, sich der Natur nah verbunden zu fühlen, auch in der Zukunft.

Nun wird es hier aber langsam zu philosophisch, das wollte ich eigentlich gar nicht. Ich wollte Euch eigentlich einen kleinen Eindruck geben , mit welchen Dingen ich mich zuhause gern umgebe und da findet man selbstverständlich auch häufig Elemente aus der Natur. Fundstücke aus dem Wald und natürlich Blumen. Ich habe fast immer Blumen zuhause oder einen Strauß aus Waldgräsern. Ich finde Selbstpflückfelder toll. Leider gibt es kaum noch welche in unserer Gegend, weil häufig gepflückt wurde ohne dafür zu zahlen. Eine Bäuerin sagte mir, es sei sehr viel Arbeit und wenn dann für einen großen Strauß Sonnenblumen lediglich ein Euro in die Kasse geworfen wird, lasse sie ihren Mann doch lieber wieder Weizen auf der Fläche anbauen. Wie schade.

Im Wohnzimmer hängt ein Plakat , das Niki de Saint Phalle gestaltet hat. Die Künstlerin ist leider schon verstorben; sie hatte eine enge Partnerschaft mit der Stadt Hannover und ihre Nanas haben es mir angetan.

Daneben gibt es eingerahmte Bilder, die meine Kinder gemalt haben, als sie klein waren. Oft kombiniere ich Fundstücke vom Sperrmüll oder Flohmarkt mit selbstgebautem oder gebasteltem. Nur Paletten, die kommen mir nicht in die Wohnung. Ich habe alles gern offen, so wie das Regal in der Küche und mag auch, wenn es dann ein bisschen kramig aussieht.

Die Zeit läuft in der Küche auf einer Wanduhr aus Glas , auf der ein Apfel thront und auf meinem Küchenkalender tummelt sich ein Igel kurz vor dem Winterschlaf.

Dann gibt es da noch meinen Meditier-Frosch , der sich zu zwei Damen mit Perlenkettchen gesellt hat.

Auf Schilder mit Sinnsprüchen stehe ich genauso wenig wie auf Wand-Tattoos. Ein Schild allerdings durfte in unser Badezimmer einziehen, da es mir liebe Freunde  geschenkt haben und es mich morgens freut, beim Zähneputzen darauf zu schauen.

Bald wird herbstliche Deko in unsere Wohnung einziehen, natürlich auch wieder mit ganz viel Natur! Bis dahin, macht es Euch kuschlig, es wird stürmisch in den nächsten Tagen!

Eure Waldtochter

Hier nun noch ein Link zu Niki de Saint Phalle und Hannover: https://www.visit-hannover.com/Sehenswürdigkeiten-Stadttouren/Sightseeing/Sehenswürdigkeiten/Nanas

Amanita muscaria- der Glücksbringer

Gerade kommen wir von einem kleinen Exkurs aus dem Deister und unsere Funde möchte ich Euch nicht vorenthalten: Fliegenpilze.

Amanita muscaria… was für ein wunderschöner Name für diese hochgiftige Schönheit.

Warum der giftige Pilz seit je her ein Glückssymbol ist, weiss man nicht genau. Vielleicht, weil ihm wegen seiner berauschenden Wirkung Zauberkräfte zugeschrieben wurden.Schamanen und Heilkundige nutzten sein Gift wohl dosiert als Heilmittel.

So oder so, er ist wunderschön anzusehen. Und schmackhaft für einige Waldbewohner scheint er zudem auch zu sein; fast alle Exemplare waren angefressen. So habe ich versucht sie von ihrer Schokoladenseite zu erwischen und sie haben sich gern in Szene setzen lassen.

Mittendrin im Tannenwald dann noch eine kleine Überraschung: ein Steinpilz. Eher selten entdeckt man ihn im Deister. Im gegenüber liegenden Höhenzug, dem Süntel, fand mein Opa vor 30 Jahren unzählige Exemplare. Stets in den frühen Morgenstunden, denn niemand sollte von seinen Fundstellen wissen. So hat er diese Geheimnisse mitgenommen nach seinem Tod und mir bleibt die Erinnerung an eine Köstlichkeit abends am Küchentisch der Großeltern. Pilze in der Pfanne angebraten, ein Butterbrot dazu, mehr brauchte es nicht. Vielleicht hatte dort meine Vorliebe für einfache Gerichte ihren Ursprung. Einfache, aber gute Zutaten und kein Chichi lenkt ab vom Geschmack.

Zurück zu den Fliegenpilzen. Vor einigen Tagen sahen die Waldkinder und ich einen eher unscheinbaren , braunen Pilz im Wald, der über und über mit Fliegen besetzt war. „ Das ist ein Fliegenpilz“, sagte eines der Kinder und ich freute mich über diese bestechende Logik. Mir ist nicht wichtig, dass die Waldkinder von Beginn an die Namen der Tiere, Pflanzen oder eben der Pilze kennen. Wichtiger ist mir ihre Wahrnehmung, ihre Fantasie. Da wird aus der großen Vogelmiere eine „ Sternblume“. So sieht sie aus und so nimmt sie das Kind wahr. Im letzten Jahr vor der Schule, dem „ Königsjahr“, sind sie dann wissbegierig und möchten die exakten botanischen Namen wissen. Dann verlassen sie die magische Welt, aber davon erzähle ich Euch ein anderes Mal.

Bis dahin,

Eure Waldtochter

PS. ….. zu guter letzt noch ein besonderes Exemplar, das wir gefunden haben. Wie auch immer es in den Tannenwald gelangte…. wer wurde damals eigentlich Weltmeister?