Der „Tannenwaldi“ ist weg

Da stand ich nun und schaute ungläubig auf die abgerodete Fläche vor mir. Bis vor einigen Tagen stand an dieser Stelle der sogenannte „Schulwald“, ein fast reiner Fichtenwald mit vereinzelten Birken und Holunderbüschen am Rand. Er war 1960 von Schülerinnen und Schülern am Tag des Baumes gepflanzt worden, nachdem der dort vorher wachsende junge Fichtenbestand nach einem Manöver abgebrannt war. Ein geschnitztes Holzschild wies darauf hin. 60 Jahre Wald sind also jetzt Geschichte.

Der Fichtenwald hieß bei den Waldkindern immer nur „Tannenwaldi“. Vor einigen Jahren fanden wir dort eines Morgens frisch abgeworfene Geweihstangen vom Rothirsch. Wir gaben sie damals bei der Jägerschaft ab, weil es als Wilderei zählt, wenn man sie findet und mit nimmt. Später bekamen wir sie wieder und sie fanden einen Platz in unserer Fundstück-Sammlung. Häufig fanden wir auch Gewölle von Eulen und Käuzchen am Fuße der Fichten. Ein Fuchsbau befand sich ungefähr in der Mitte des ca. 12 Hektar großen Waldstückes und die Kinder bestaunten die schlammbeschmierten „Schubber-Bäume“ der Wildschweine. Im Winter waren die tiefen Pfützen gefroren und die Waldkinder wagten vorsichtige Schritte auf das knackende Eis. Viele Pilze wuchsen ganzjährig im „Tannenwaldi“ und versorgten die Waldbewohner mit Nahrung.

Warum ist der Fichtenwald jetzt weg? Nun, dafür haben vermutlich der Klimawandel und als Folge davon der starke Befall mit Borkenkäfern gesorgt. Bereits der Sturm Kyrill im Jahr 2007 hatte den Fichten-Monokulturen schwer zugesetzt, da sie Flachwurzler sind und dem Sturm schutzlos ausgeliefert waren. In diesem Frühjahr nun nach zwei besonders heißen und trockenen Sommern zeigte sich uns der Schulwald in braunem Kleid. Trocken und abgestorben standen die Fichten da und wir mieden den Platz fortan, weil es zu gefährlich für uns war. Es war eine Frage der Zeit, wann hier abgeholzt werden muß.

Seit einigen Tagen hörten wir schon die Sägen der Waldarbeiter und ahnten, welches Bild sich uns beim nächsten Besuch bieten würde. Die Borkenkäfer hatten in den vergangenen zwei Jahren ganze Arbeit geleistet. Aber Groll gegen den Buchdrucker und den Kupferstecher hege ich nicht, sie tun das, was ihre Aufgabe im Naturkreislauf ist. Dass sie so immense Schäden anrichten können, liegt eher daran, dass wir Menschen Fichtenmonokulturen angelegt haben, die dem Käfer reichlich Nahrung und kurze Wege bieten. Ein einziges Pärchen der Borkenkäfer bringt in einem Jahr ca. 100.000 hungrige Nachkommen hervor. Hinzu kommt, dass die Fichte nicht typisch für unsere Wälder ist und mit schwierigen Bedingungen deshalb nicht gut zurecht kommt. Die geschwächten Bäume werden dann vom Borkenkäfer befallen und sterben ab.

Mischwälder könnten eine Lösung für die Zukunft sein, um solchen Kahlschlag zu verhindern. Dem Klima angepasste Baumarten( zu denen natürlich auch die Fichte gehören kann) könnten bewirken, dass nur einzelne Bäume erkranken oder absterben, so dass nicht der gesamte Bestand vernichtet werden muss.

Den Waldkindern, die nun nach und nach wieder in ihren Kindergarten zurückkehren, werde ich erklären müssen, wo der Fichtenwald geblieben ist. Die ökologischen Zusammenhänge kann ich am ehesten den Vorschulkindern erläutern. Den jüngeren werde ich die kleinen Fichtenkinder zeigen, die inmitten des Kahlschlags stehen und sich dort in den vergangenen Jahren ausgesamt hatten. Sie bilden ein Zeichen des Weiterlebens und der Hoffnung. Denn wo sich eine Tür schliesst, öffnet sich bekanntlich immer auch eine neue. Ein sich verändernder Lebensraum kann hier nun entstehen für Pflanzen und Tiere. Wenn der Mensch ihn lässt.

Kinderstuben am Bauwagen

Hier wohnen wir!

Fräulein Corona hat in den vergangenen Wochen dafür gesorgt, dass große Teile unseres Lebens heruntergefahren sind . So ist es auch mit dem Kindergarten im Wald. Dort, wo sonst Kinderstimmen durch den Wald hallen, ist Stille und Ruhe eingekehrt-zwangsläufig.

Doch wo wir Menschen einen Schritt zurück treten, tun sich für die Natur und ihre Bewohner ganz neue Möglichkeiten auf. So hat Familie Amsel direkt an der Eingangstür zum Kindergarten-Wagen ein Nest gebaut. Frau Amsel sitzt nun dort und brütet drei türkisfarbene Eier aus. Zwei Wochen wird sie sich dafür Zeit nehmen. Besuchern , die einen Blick durch das Fenster in den Wagen werfen möchten, signalisiert ein Absperrband am Treppenaufgang: Halt, hier ist zur Zeit eine Kinderstube!

Bei Familie Amsel ist das Amsel-Weibchen für das Ausbrüten der Eier zuständig.

Ausgerechnet den Briefkasten des Kindergartens im Wald haben sich die Kohlmeisen zum Nisten ausgesucht. Beim Öffnen vor einigen Tagen kam mir ein Vogel entgegen geflogen, den ich beim Nisten gestört hatte. Als ich aus einiger Entfernung den Kasten beobachtete, stellte ich fest, dass es eine Kohlmeise war. Nachdem ich einen Hinweis für die Zusteller angebracht hatte, konnte sie weiter ungestört ihrem Brutgeschäft nachgehen.

Hier geht derzeit nicht die Post ab!

Unser selbstgebauter Nistkasten ist ebenfalls belegt und auch dort ist ein Kohlmeisen-Pärchen eingezogen. Das Piepsen der Vogelkinder ist schon deutlich zu vernehmen. Die Waldkinder hatten im Frühjahr Filzwolle und trockne Gräser zu kleinen Bündeln gewickelt und in den Büschen aufgehängt um den Vögeln Nistmaterial anzubieten. Wenn die Brutzeit beendet ist, werden wir die Nistkästen öffnen und teils mit bunter Wolle durchzogene Nester vorfinden. Ein klares Indiz für die Kinder, dass ihre Nisthilfen dankend angenommen wurden.

Das werden farbenfrohe Nester!

Ganz besonders gefreut habe ich mich als ich feststellte, dass in unsere kleine Villa Kunterbunt, die direkt neben der Wagen-Tür hängt, eine Blaumeisen-Familie eingezogen ist. Blaumeisen sind in diesem Jahr von einem Bakterium bedroht ( Suttonella ornithocola), das bei ihnen eine Lungenentzündung hervorruft und meist tödlich endet . Damit sich die Blaumeisen-Bestände wieder erholen, ist es wichtig ihnen Brutmöglichkeiten zu bieten. Schön, dass ein Pärchen das Häuschen, welches uns eine Praktikantin vor einigen Jahren zum Abschied schenkte, angenommen hat. Wäre momentan normaler Kindergartenbetrieb, so wären sie wohl kaum auf die Idee gekommen. Zu unruhig könnte es dann dort für ihr Brutgeschäft sein.

Dem Bakterium zum Trotze: wir leben hier!

Wie immer im Leben, so birgt unserer momentane Situation auch positive Aspekte. Die Natur darf Luft holen und freut sich darüber kleine Nischen der Erholung geschenkt zu bekommen. Ein wenig Entschleunigung tut den Singvögeln, aber auch uns Menschen gut. Und trotzdem können wir es kaum erwarten, dass die Waldkinder sich ihre Spielplätze im Wald wieder erobern.

Bis bald im Wald!

Hallo Welt!

Hier bin ich: die Waldtochter!

Wieso dieser Name und weshalb dieser Blog? Nun, ich glaube eher an Mutter Erde als Schöpfung und fühle mich als ihr Kind, eine Waldtochter eben.

Seit frühester Kindheit ist mein bevorzugter Lebensort die Natur. Wald, Wiesen , Bäche, der Garten hinterm Haus. Ich hatte das Glück viel draußen sein zu dürfen und konnte so die Natur, die Jahreszeiten und mich selbst fühlen lernen .

Meine Sehnsuchtsorte liegen dort, wo es grün ist, wo es zwitschert, plätschert, der Wind weht oder die Tropfen fallen. Dort wo die Sonne mich wärmt oder die Kälte mich vitalisiert. Auch meinem grössten Glück, meinen beiden Kindern, habe ich versucht dies zu vermitteln und ihnen ebenfalls viel freies Spiel in der Natur ermöglicht. Mein Berufsweg hat mich dann auch in den Wald geführt und ist erfüllt von Kinderlachen.

Alles, was ich in und mit der Natur erlebe, hat mich geformt und ist gleichzeitig mein Lebens- und manchmal auch Überlebenselixier. Dort draußen fühle ich mich geerdet und geborgen. Ich möchte Euch teilhaben lassen und vielleicht erfreuen oder inspirieren.. Deshalb dieser Blog: die Waldtochter.

Alle Menschen sollten ihre Kindheit von Anfang bis Ende mit sich tragen.

Astrid Lindgren