Tonscherben auf dem Mist, oder: Geschichte zum Anfassen.

In meinem Beitrag ” Schätze auf dem Stoppelfeld” habe ich Euch  erzählt von Keramikscherben, die die Waldkinder von Zeit zu Zeit in den Ackerfurchen am Deisterrand finden. Woher stammen sie? Und wie gelangten sie auf die Felder? Um solche Fragen zu klären, nehme ich ein Buch in die Hand um es herauszufinden. Häufig dann im Anschluß das Telefonbuch. Denn dann rufe ich jemanden an, der sich besser damit auskennt als ich. In diesem Fall eine Keramikrestauratorin, die auch eine ehemalige Waldmutter ist und aktiv das Museum in Bad Münder mitgestaltet. Vor einigen Jahren gab es dort eine Sonderausstellung ” Von Pottland in die ganze Welt”. Ich war mir sicher, sie kann uns etwas über unsere Scherben erzählen. Deshalb machte ich mich gemeinsam mit den Vorschulkindern auf den Weg in die Stadt; im Gepäck unsere Fundstücke.

Wir breiteten diese auf dem großen Museumstisch aus und Monika war begeistert. Zum größten Teil hatten wir Scherben gefunden, die von Töpferwaren aus münderscher Produktion stammten. Was Ton ist, wussten die Kinder, denn wir hatten erst vor kurzem selbst getöpfert im Waldkindergarten.

Eine der Scherben  konnte die Keramikrestauratorin sogar einem Gefäß aus dem Mittelalter, einer Art Milchschale zuordnen. Wie toll! Eine weitere entpuppte sich als Teil eines Standbeines einer sogenannten Kochgrape, dem damaligen Kochgeschirr.

Wir waren erstaunt und begeistert. Nachdem wir uns das große Wandrelief angeschaut hatten, auf dem der Fundort einer größeren Tongefäßmenge dargestellt war, gingen wir gemeinsam zum Bürgerhaus  hinüber

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Hier handelt es sich um ein vom Museum aufgekauftes , 1752 erbautes Fachwerkhaus. Es wurde mit großer Liebe zum Detail von engagierten Museumsmitarbeitern in den Zustand um 1880 zurück versetzt, als ein Schuster mit seiner Mutter und Schwester dort lebte. Hier wollten wir dem Geheimnis der Scherben von den Feldern auf die Spur kommen.

Die Kinder konnten die alte Räucherküche mit der offenen Feuerstelle anschauen; sie erfuhren, dass auch der Stall für die Kuh mit ins Haus integriert war. Sie sahen die Schlafstube, zu der man über eine steile Treppe gelangte und sie tappten fast in das Fettnäpfchen, das unter dem aufgehängten Schinken in der Diele steht.

Richtig interessant wurde es dann auf dem Hinterhof des Hauses. Dort befindet sich das Plumpsklo über dem Misthaufen. Erstaunt stellten die Kinder fest, dass es zur Zeit des Schusters noch kein Klopapier gab und stattdessen ein Körbchen mit Heu bereit stand.

Neben dem Klo dann der Misthaufen, auf dem damals alles landete, was nicht mehr gebraucht wurde; unter anderem auch kaputte Schalen, Tassen oder Teller. Zweimal im Jahr brachte man diesen Mist mit Karren dann auf die Felder rund um die Stadt und somit war klar: wir hatten die Antwort auf unsere Frage gefunden.

Ich bin sicher: diesen Teil Geschichte unserer Stadt werden die Kinder verinnerlicht haben, denn sie war zum Anschauen und Anfassen. Sie haben auf diese Weise Gelegenheit bekommen die geschichtlichen Zusammenhänge ganz plastisch zu erfahren. So geht Geschichte, zumindest dann, wenn man noch nicht lesen und schreiben kann. Sich gemeinsam auf die Suche machen, Orte besuchen und Menschen befragen; so möchte ich den Kindern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie  Wissen über ihren Lebensraum und dessen Geschichte bekommen.

” Museum habe ich mir aber ganz anders vorgestellt”, so sagte eines der 5- jährigen Mädchen. Wie, das wollte sie nicht sagen. Vielleicht konnte sie das auch nicht, weil da ganz andere Bilder in ihrem Kopf gewesen waren und nun erstmal verknüpft werden mussten mit dem gerade Erlebten. Es ist so spannend die Kinder dabei begleiten zu dürfen. Ich freue mich schon auf unsere nächste Entdeckung und den ganz natürlichen Forscherdrang der Kinder, den ich gern unterstütze!

Eure Waldtochter

 

 

Herzlichen Glückwunsch, Frederick!

Seit 50 Jahren sammelt  “Frederick “, die kleine Feldmaus im gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni schon Sonnenstrahlen, Farben und Wörter, während seine Mäusefamilie Samen, Körner und Nüsse für den Winter sammelt. Nachdem in der alten Steinmauer, in der die Feldmäuse leben, alle Vorräte aufgebraucht sind, sorgt der kleine, verträumte Frederick dafür, dass den Mäusen trotzdem warm wird, indem er die Sonnenstrahlen, die Farben des Sommers und die gesammelten Geschichten und Gedichte in die Köpfe der Mäuse zaubert.

Ein wunderbarer Klassiker, den auch meine Waldkinder in jedem Jahr wieder gern erzählt bekommen. Begeistert spielen sie die Geschichte nach.” Ich bin Frederick!” So schlüpfen sie in die Rolle der kleinen Feldmaus, schliessen die Augen und fühlen die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut.

Frederick steht mir persönlich sehr nah… ich kann mich mit dem Naturell des Tagträumers wunderbar identifizieren. Stundenlang kann ich auf einer Wiese liegen und geniesse es, wenn   die Schatten der Wolken vor meinen geschlossenen Augen vorbei ziehen. Das sind unglaubliche Glücksmomente, die mich erden und kein Smartphone der Welt kann damit konkurrieren.

An Frederick musste ich denken, als ich gestern bei wunderbarem Sonnenschein und blauem Himmel mit den Kindern durch den Wald zog. Die goldene Farbe des Buchenlaubes, das letzte Grün der Büsche, die weissen Wölkchen….alles war wie perfekt aufeinander abgestimmt. Ein Fest der Farben.

Wir hielten an der grossen Wiese an und wendeten unsere Gesichter der Sonne zu. Sie wärmte uns und es war, als speicherten wir diese Wärme für die kalten und grauen Tage, die uns nun bald bevorstehen. Unsere Vorräte sind angelegt. Viele Erlebnisse und Waldgeschichten haben wir gesammelt für die Wintertage im Deister. Bei Kerzenschein wird dann der Erzählstein herumgereicht und ich werde wieder diese innere Gewissheit spüren, dass die Zeit im Waldkindergarten auch in der Erinnerung eine ganz besondere bleiben wird für die Kinder.

“Frederick, Du bist ja ein Dichter! ” Ich weiss, Ihr lieben Mäusegesichter…”

Ich wünsche mir, dass Frederick noch mindestens weitere 50 Jahre die Kinder begeistert und es immer Menschen gibt, die den Kindern Geschichten erzählen.

Herzlichen Glückwunsch, kleine Feldmaus!

Deine Waldtochter

Quelle:” Frederick” von Leo Lionni im Beltz-Verlag

https://www.beltz.de/kinder_jugendbuch/produkte/produkt_produktdetails/7545-frederick.html

Wo summt es denn noch?

Die Frage ist nach einer kürzlich veröffentlichten Krefelder Studie leicht zu beantworten:  es summt beängstigend selten noch in unserem Ökosystem. Vielleicht verdient es diesen Namen bald nicht mehr? 76 Prozent weniger Insekten als in einer vorangegangenen Studie von 1989. Das ist eine Hausnummer. Allerdings sind die Gründe hierfür noch nicht genügend erforscht und belegt. Ist es Glyphosat und Co? Sind es die Millionen Liter Gülle, die in die Felder, neuerdings sogar auf Wiesen , eingebracht werden? Hier bedarf es noch gründlicher Klärung, damit wir, ähnlich wie in der Klimaforschung, die Verursacher dingfest machen können. Aber hat das dem Klima etwas genutzt? Wohl eher nicht. Heute findet in Bonn wieder eine Klimakonferenz statt. Große Veränderungen zum Positiven lassen da trotz Kind beim Namen nennen auf sich warten und solange ich selbst mit dem Auto in den Wald fahre, muss ich mich da in erster Linie an meine eigene Nase fassen.

Das Beispiel von der Windschutzscheibe, die noch in den 1960er Jahren schwarz war von Insekten wird ja immer angeführt. Aber auch wir im Wald beobachten dies. Einzig das Zeckenvorkommen ist gefühlt nicht reduziert. Aber ganz klar weniger geworden sind beispielsweise die Tagfalter . Sie fliegen  uns immer seltener über den Weg.

Ganz besonders das langsame Aussterben der verschiedenen Bienenarten ist besorgniserregend. Sorgen sie doch für die Bestäubung und Erhaltung vieler Obstsorten. Werden Äpfel und Birnen bald unerschwinglich teuer , weil sie per Hand bestäubt werden müssen?

Das empfindliche Gleichgewicht in der Natur, das schon durch das Aussterben einer einzigen Spezies nachhaltig gestört wird, ist auch unser Lebensraum. Das ist uns manchmal nicht mehr ganz so klar, wie es uns sein sollte.

„ Insektozid“ nennen sie  das Insektensterben. Vermutlich wird dieser Ausdruck zum Wort des Jahres 2017 gekürt werden müssen. Wie traurig.

Da kann man mit der Kindergruppe schonmal beobachten, wie auf einer Grünfläche, auf der ab und an Schafe weiden, in großem Maße Gülle eingebracht wird. Ein LKW nach dem nächsten kam an den Waldrand gefahren.
Huckepack  große Tankbehälter mit „ Substrat“, wie es einer der Fahrer nannte. Zuvor war die Erde mit einer Art Grubber dafür vorbereitet worden. Wir sahen zu und die Kinder verlangten nach einer Erklärung. Das sind diese Momente, in denen ich Schwierigkeiten habe es plausibel zu machen. Riesige Ställe, in denen hunderte Schweine leben und deren Fäkalien ja irgendwo bleiben müssen. Wie erklären wir den Kindern das?

Etwas zu verändern ist hingegen gar nicht  so schwierig. Nur  noch die Hälfte Fleisch essen wäre ein Anfang. Wir können uns außerdem dafür stark machen, dass die Insektizide endlich verschwinden. Und wir in den Waldkindergärten leisten einen kleinen, aber sich vielleicht multiplizierenden Beitrag: den Kindern die Naturzusammenhänge nahebringen und begreifen helfen. Das ist etwas, das jeder, der mit Kindern zu tun hat, machen kann . Nur so können wir sie an den  Naturschutz heran führen. Das geht kaum durch Erklärungen oder den erhobenen Zeigefinger, sondern mehr durch Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen, die sie unmittelbar selbst machen dürfen.

Ich gebe die Hoffnung noch lange nicht auf!

Herzliche Grüße,

Eure Waldtochter

““Das Leben aller Lebewesen, seien sie nun Menschen, Tiere oder andere, ist kostbar, und alle haben dasselbe Recht  glücklich zu sein. Alles, was unseren Planeten bevölkert, die Vögel und die wilden Tiere sind unsere Gefährten. Sie sind Teil unserer Welt, wir teilen sie mit ihnen.““

Dalai Lama

 

Laterne, Laterne……

Eines der schönsten Feste im Waldkindergarten ist das Laternenfest. Vielleicht, weil die wunderbar leuchtenden Laternen besonders gut im Dunkel des Waldes wirken. Wie eine kleine Schar Glühwürmchen bewegt sich die Kindergruppe mit ihren Gästen durch den Wald und es ist eine ganz besondere Stimmung zu spüren. Ich glaube, auch Fuchs und Has‘ haben im Dickicht ihre Freude daran , wenn wir singend in der Dämmerung durch den Wald ziehen.

Nun aber heisst es erstmal Laternen  basteln. In diesem Jahr haben wir den Kindern einige Vorschläge gemacht, welche Art von Laterne sie basteln könnten. Wichtig ist uns dabei stets, dass die Kinder den größten Teil der Laterne selbst herstellen können und nur wenig Hilfestellung brauchen. Wir finden das schöner, als wenn Eltern oder Erzieher die Laterne basteln und das Kind wenig Eigenanteil daran haben darf.

Die Wahl der Kinder fiel, wie fast in jedem Jahr, auf die Luftballon-Kleister-Transparentpapier-Laterne. Wie ich finde, eine tolle Wahl, denn sie leuchten wirklich wunderschön!

Den improvisierten  Kittel aus einem Müllsack an und los gehts. Der Ballon wird aufgepustet und nun ordentlich Kleister darauf verteilen. Dann erfolgen drei bis vier Lagen kleingerissenes Transparentpapier. Gut glattstreichen und mit Kleister nicht sparen. Der erste Griff in den Kleistereimer kostet die Kinder manchmal etwas Überwindung, aber dann finden sie meist schnell Gefallen an der klebrigen Bastelei. Nun noch mit einem Namensschildchen versehen und ab über die Heizung oder den Ofen. Nach einigen Tagen wird der beklebte Ballon hart und wir schneiden das obere Drittel ab. Immer wieder finden die Kinder lustig, wenn sich dann der Ballon von den Innenwänden knisternd löst und sie ihn aus der Laterne herausholen können.

Mit Draht wird nun eine Vorrichtung geschaffen, an die der Laternenstab angebracht werden kann. In diesem Jahr gab es die Idee, diesen Draht noch mit Perlen oder kleinen Schleifchen zu schmücken. So ist eine richtige Edel-Variante unserer altbekannten Luftballonlaterne entstanden.

Wir singen im Vorfeld des Festes altbekannte oder auch neue Laternenlieder und überlegen gemeinsam, warum wir Laternenfest feiern. Da eines der Lieder vom Sankt Martin handelt, fanden wir schön, in Gedanken an ihn und seine gute Tat Lichter im Dunkeln anzuzünden und damit zu zeigen, wie schön wir es finden, bedürftigen Menschen zu helfen. So leuchten wir, sagten die Kinder, extra für den Sankt Martin und alle, die anderen Menschen helfen.

Zurück zu führen ist die Geschichte vom heiligen St. Martin auf den heiligen Martin von Tours, der Soldat der römischen Armee war. In einer kalten Winternacht soll es dann zu der legendenbildenden Begegnung zwischen ihm und einem in Lumpen gekleideten Bettler gekommen sein. Der Erzählung nach nahm er ohne zu zögern sein Schwert, teilte seinen eigenen warmen Mantel in zwei Teile und schenkte eine Hälfte dem Bettler. Später wurde er zum Bischof von Tours ernannt . Geboren wurde er 316 in Ungarn;  er starb im November 397.

Die Waldkinder spielen anlässlich des Laternenfestes diese Geschichte gern nach und schlüpfen in die Rollen von Martin, dem Bettler oder den Gänsen im Stall, die den zum Bischof berufenen mit ihrem lauten Geschnatter verrieten.

Die Laternenfeste und -umzüge zeugen noch von einer Zeit, in der es am Vortag von großen Festen häufig eine Lichterprozession gab. Es ist ein wunderbarer Brauch und wir pflegen ihn auch im Waldkindergarten, damit dem St. Martin viele bunte Lichter leuchten.

Eine schöne Laternenzeit wünscht Euch

Eure Waldtochter