Gelber Schnee

Liebe Leute,

der Umzug ist geschafft, die Kartons und Kisten grösstenteils ausgepackt und ich kann mich endlich mal wieder so erfreulichen Dingen wie meinem Blog zuwenden. Wie schön! Die Tiere fühlen sich wohl im neuen Zuhause und ich möchte einmal erzählen, wie es den Waldkindern in den vergangenen Wochen ergangen ist.

Das Sturmtief Friederike zwang uns leider für drei Wochen den Wald zu verlassen und in unseren Sturmraum in der Stadt umzuziehen.   Unser Förster riet uns, auch nach Abzug des Sturmes den Wald noch nicht zu betreten. Über viele Wochen hatte Dauerregen den Boden tief und schlammig gemacht und es bestand akut die Gefahr , dass Bäume, die bereits durch den Sturm ” angeschoben ” waren, noch umstürzen konnten.

So machten wir kleine Ausflüge in die Bücherei, in den nahegelegenen Kurpark oder auf den Wochenmarkt, wo wir für einen bunten Obstsalat einkauften.

Seit einer Woche dürfen wir nun endlich wieder in unseren Wald und schauten uns erstmal um, welche Veränderungen der Sturm im Wald verursacht hat. Bestandsaufnahme: viele umgestürzte Fichten, die sich mit ihren flachen Wurzeln im nassen Boden nicht mehr halten konnten. Eine alte Eiche, die im vergangenen Sommer noch ein Hornissennest und Spechthöhlen beherbergt hatte, ging in die Knie und zerbarst.

Die Stürme werden häufiger, das Wettergeschehen immer unberechenbarer. Waren wir in den ersten Waldkindergartenjahren ein- oder zweimal im Sturmraum, so sind es mittlerweile ganze Wochen, die wir dort verbringen. Deuteten früher viele Bucheckern auf dem Waldboden auf einen bevorstehenden harten Winter hin, so ist dies mittlerweile kein sicheres Indiz mehr. Der Wald, die Natur ist selbst verwirrt und gerät aus dem natürlichen Rhythmus.

Wieder im Wald angekommen, bescherte uns das Wetter ein kleines Schnee- Intermezzo. Endlich kein Sturm mehr, vorbei der Regen und weggewischt der dauergraue Himmel. Sonne und Schnee! Eisgebilde und Schneemänner! Rodeln und Rutschen! Das tat gut!

Nun kümmerten wir uns auch wieder um die Vögel, die den Winter bei uns im Deister verbringen. Fett und Körner wurden angerührt und in Futterglocken gefüllt. Kaum hingen diese, bekamen wir Besuch von Meise, Buchfink und Specht. Dankbar nahmen sie unser Futterangebot an.

Der Dauerfrost hindert die Kinder nicht daran, draussen kreativ zu sein. So sammelten sie Schnee in Töpfen und mischten ihn mit Malkreide, die sie fein zerrieben. Sie überraschten mich mit gelbem, blassblauem und rosafarbenem Schnee. Immer wieder Dinge zweckentfremden, sich ausprobieren, experimentieren… das ist es, was Kinder brauchen und wo sie Freiraum, Ermunterung und Unterstützung von uns bekommen können.

Selbst im nicht für Kinder ausgelegten Sturmraum wussten sie sich phantasievoll auszuleben. Da entstand auf dem Fussboden der Meeresgrund mit unzähligen Fischen und Meerjungfrauen, mit Kraken, Seeschlangen und Korallenriffen. Gemeinsam durchquerten wir das Meer und schwammen auf eine Insel, auf der eine Schatzkiste, gefüllt mit selbstgebastelten Gold-und Silbermünzen auf uns wartete.

Nun hat uns aber der Wald zurück und wir dürfen die ersten Schneeglöckchen begrüssen. Auch der Bärlauch schaut schon mit seinen ersten grünen, nach Zwiebeln und Knoblauch duftenden Spitzen aus der gefrorenen Erde heraus. Warum er Bärlauch heisst und was die Waldkinder mit ihm anstellen, darauf dürft Ihr nun schon gespannt sein!

Herzlichst,

die Waldtochter

 

 

Ein Weihnachtsbaum für die Tiere

” Die Tiere im Wald sollen es doch auch schön haben!” So lautete heute die Antwort eines Waldkindes auf die Frage, warum Möhren und Äpfel an eine kleine Buche im Deister gehängt werden.

Ein Weihnachtsbaum für die Tiere, das ist liebgewonnene Tradition im Waldkindergarten nun schon zum 18. Mal. Es macht uns und den Kindern einmal mehr bewusst, dass wir Gäste sind im Wald und in friedlicher Koexistenz mit den Tieren leben wollen. Es ist ihr Lebensraum, in dem wir uns täglich bewegen. Wir nehmen Rücksicht auf sie, gehen beispielsweise in den Frühjahr- und Sommermonaten nicht in den  ” Zauberwald”, weil dort viele Vogelarten um diese Zeit brüten und dabei ungestört von uns sein sollen. Es ist der Respekt vor der Natur, den Tieren, den Pflanzen, den die Kinder ganz selbstverständlich erfahren und erlernen . Kinder sind da noch unglaublich offen, sie öffnen allem ihr Herz und sind von Natur aus empathisch. So erlebe zumindest ich es im Wald. Nur was sie kennenlernen, werden sie schätzen, schützen und lieben, so meine Hoffnung.

Ich bin immer wieder gespannt auf Begegnungen mit ehemaligen Waldkindern. Wie haben sie die Zeit erlebt? An was erinnern sie sich? Welche Gerüche sind ihnen noch präsent; welche Gefühle können sie auch heute noch nachspüren? Ist das pädagogische Konzept aufgegangen und was werden sie selbst weitergeben wollen an ihre Kinder? Die ersten Waldkinder aus dem Anfangsjahr sind nun schon Anfang 20 und könnten sicher einige meiner Fragen beantworten.

Nun war heute also der letzte Kindergartentag vor den Weihnachtsferien. Zwei Wochen  den Waldrucksack in die Ecke stellen, aufwärmen, Kraft tanken, bevor es im Januar dann weitergeht.

Nachdem wir den Tierbaum geschmückt hatten, trafen wir uns mit Eltern, Großeltern und Geschwistern an unserem selbstgebauten Stall im nahegelegenen Tannenwald zum Krippenspiel. ” Weihnachten im Stall” von Astrid Lindgren ist unsere Vorlage und unser Handlungsstrang. Die Kinder sind frei in ihrer Rollenauswahl und so hatten wir diesmal zwei Marias, die Josef zum Stall begleiteten. Schön war es wieder und feierlich wurde uns ums Herz. Alle Aufgeregtheit und aller Trubel der vergangenen Stunden war verflogen und alle stille Aufmerksamkeit galt dem kleinen Kind in der Krippe. Tiere und Menschen friedlich miteinander im Stall und über allem leuchtete der Stern.

Da war Weihnachten spürbar und nachdem wir alle gemeinsam ” Ihr Kinderlein kommet” gesungen hatten, machten wir uns auf den Weg zurück zum Waldkindergarten, um uns dort in die Ferien zu verabschieden. Das eine oder andere Kind zeigte seinen Eltern stolz den Weihnachtsbaum für die Tiere und spätestens nach dem zweiten Weihnachtstag werden sie neugierig schauen gehen, ob schon alles aufgefressen ist.

Wie gestalten wir Weihnachten mit den Kindern? Was steht im Fokus? Sind es die Geschenke oder aber auch die kleinen, stillen Dinge, die der Weihnachtszeit ihren Sinn und ihren Zauber geben? Es liegt an uns , welche Erinnerungen die Kinder später daran haben und weitergeben.

Leider lag kein Schnee heute im Deister, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Für die Tiere im Wald ist bestens gesorgt, die Feiertage können kommen!

Schöne Weihnachten!

Eure Waldtochter

Still!

 

Hinaus gehen in den Wald, statt zum Therapeuten? Kann die Stille des Waldes wirklich helfen?

Es erscheint uns sicher manchmal einfach zu simpel, wenn wir den Rat bekommen, doch mal wieder in den Wald zu gehen. Allein. Ohne Hund. Ohne Partner. Ohne das omnipräsente Handy. Stille erleben, fühlen, in sich selbst hinein horchen. Das eigene Herz spüren, den Puls wahrnehmen. Selbst in unseren Wäldern ist dies nur eingeschränkt möglich; zu nah ist der Straßenverkehr, die Flugzeuge über uns. Aber wir können den Pegel herunterfahren, dem übersteuerten  Gehirn eine kleine Pause gönnen. Einen einzelnen Vogel zwitschern hören. Die letzten welken Blätter an den winterkahlen Bäumen rascheln hören. Oft ist in meinem Kopf ein leichtes Piepen, wenn ich dem Weg in den Langen Grund im Deister hinunter gehe. Dorthin dringen  kaum Verkehrsgeräusche und mein Gehirn muss sich erst einjustieren auf die Ruhe. Denn Ruhe ist es, die ich dort unten erfahre. Stille ist es nicht, denn es sind ja immer Geräusche da.

Unseren Hörsinn können wir nicht abschalten, er ist immer auf Empfang. Wenn wir einmal nichts mehr sehen möchten, halten wir uns die Augen zu. Die Ohren zuhalten funktioniert nur bedingt; ganz abschirmen lassen sich die Außengeräusche nicht, und schon gar nicht die von innen kommenden.

” Still jetzt….” , bitte ich die Waldkinder jeden Tag im Morgenkreis, wenn wir uns an die Hände fassen, um uns zu begrüßen . Ganz leise wird es dann und wir lauschen gemeinsam auf die Stimmen des Waldes. So kommen wir an, switchen um und schlüpfen zusammen in den Wald-Tag. Mittags beim Abholen dann ist sie wieder präsent, die Umwelt mit Terminen, Verpflichtungen und Zwängen selbst bei den Kindern schon. Turnen, Klavierunterricht, Schwimmkurs. ” Möchtet Ihr nächste Woche Donnerstag zusammen spielen?” Das können die Kinder doch jetzt noch nicht wissen. Was ist nächste Woche Donnerstag? Mit wem mag ich dann spielen? Wie geht  es mir nächste Woche? Da bleibt weniger Raum für spontane soziale Kontakte und Spielsituationen. Statt dessen schon Terminplanung. Erfreulicherweise sind aber die meisten   Eltern  trotzdem so flexibel, dass sie auf die zeitnahen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und ihren Wünschen entsprechen können. Darüber bin ich froh. Aber es wird immer schwieriger, denn das von der Politik und Wirtschaft durchaus gewollte Familienmodell sieht vor, dass beide Elternteile dem Arbeitsmarkt möglichst früh wieder zur Verfügung stehen. Viele Eltern möchten oder müssen dies mittlerweile auch. Das schränkt die zeitlichen Möglichkeiten natürlich ein. Dann ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt und ich wähle bewusst diese Reihenfolge. Es ist häufig leider ein erwachsenenfreundliches Modell, an den Bedürfnissen der Kinder vorbei, wie ich finde und erlebe.

Aber zurück zur Ruhe, zur Stille. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich Mühe habe sie zu ertragen. Zu sehr ist mein Gehirn schon auf Dauerbeschallung gepolt. Sowie es ruhig ist, muss Ablenkung her. Sonst wäre ich ja zu sehr bei mir. Zu konkret auf mich reduziert, müsste meine Gedanken “hören” und mich mit ihnen auseinandersetzen. Neulich las ich einen Spruch:” Nachdenken ist wie Schaukeln; man hat etwas zu tun, kommt aber nicht wirklich weiter”. Das sehe ich anders. Dort unten im Langen Grund wird der Kopf klar beim Nachdenken. Es entsteht Kreativität, es kommen Ideen. Verstrickungen entwirren sich. Die Ruhe bringt Erkenntnisse; Gedanken können fliessen. Tief einatmen. Der Atemrythmus normalisiert sich. Atmen wird wieder bewusst erlebt. Oft sind wir einfach nur noch atemlos und aus dem Gleichgewicht. Gerade paradoxerweise jetzt in der Vorweihnachtszeit.

Vieles können wir selbst heilen, wir müssen es uns nur erlauben und uns Zeit dafür nehmen. ” Ich habe keine Zeit” ist ein häufig getätigter Ausspruch. Doch die Zeit ist da, es liegt nur an uns, wie und wofür wir sie nutzen. Langeweile darf nicht sein, dabei ist sie etwas unglaublich wichtiges. Aus Langeweile entsteht Kreativität, in Gedanken und in Taten. Langeweile ist das Herunterfahren und neu Hochfahren. Es erlaubt uns ein Innehalten und neu beginnen. Der Wald, die Natur kann uns dabei helfen. Dort bekommen wir alles, was wir brauchen. Vogelgezwitscher inklusive.

Wenn der Weg von der Talsohle dann  hinaufführt an den Deisterrand bin ich wieder bereit für Hundegebell, Strassenlärm, Kindergeschrei , Musik und Kommunikation.

Es kann weitergehen!

Eure Waldtochter

 

Weihnachtszeit: Ein Versuch der Entschleunigung

” Wenn du ein Träumer bist, komm herein!

Wenn du träumst und lügst und Wünsche hast,

wenn du fromm bist und Zauberbohnen magst,

wenn du ein Aufschneider bist-

komm, setz dich ans Feuer!

Wir erzählen uns Märchen, du und ich,

seltsam und golden und nicht ganz geheuer.

Komm herein!

Komm herein!”

Shel Silverstein

Wie oft hört man in der Vorweihnachtszeit, wie stressig doch alles sei und wie hektisch. Den wahren Sinn der Weihnacht’ haben wir längst vergessen. Geschenkejagd, Plätzchenstress, gereizte Mitmenschen und mittendrin wir. Nun, ganz davon freimachen kann auch ich mich nicht. Jedoch, die Adventszeit im Waldkindergarten gestalte ich sehr bewusst stress- und terminarm. Auch wenn dafür interessante Angebote hinten anstehen müssen oder Termine nicht wahrgenommen werden ; dort oben im Wald ist Ruhe, Vorfreude und Gelassenheit angesagt. Die Kinder spüren ohnehin die Aufregung und Geschäftigkeit ihres Umfeldes und sind quirliger als den Rest des Jahres. Jede Kollegin, jeder Kollege in anderen Kindertageseinrichtungen  kennt dieses Phänomen. Da heisst es einen Gegenpol zu schaffen . Die Kinder sind dankbar dafür. Wir schauen von dort oben auf das hektische Treiben in der Stadt, bereiten derweil Futterglocken für die einheimischen Vögel, staunen über die Rehspuren  im Schnee oder freuen uns am Glanz der ersten Adventskerze.

Wir erzählen uns die Geschichte von der Weihnachtsmaus, die dafür verantwortlich ist, dass das Weihnachtsgebäck schon lange vor dem Fest wie von Zauberhand verschwindet. James Krüss sei Dank!

Jeden Tag darf eines der Kinder ein Säckchen am Adventskalender öffnen und die Zaubernuss ganz nah ans Ohr halten und schütteln. Sie birgt ein Geheimnis und mithilfe des Nußknackers wird es dann gelüftet: ein Edelstein!

Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien schmücken die Waldkinder einen Baum für die Tiere im Wald, den sie selbst aussuchen. Versteckt im Dickicht steht dann ein Baum, behangen mit Möhren, Äpfeln und vielem mehr, den wir zum Abschluß umringen und Weihnachtslieder  singen. Dann wandern wir zu der aus Ästen und Zweigen selbstgebauten Krippe und laden die Familien der Kinder ein uns zuzuschauen. Das Märchen von der Frau und dem Mann, die in einer kalten Winternacht eine Bleibe suchen und deren Kind in einem Stall geboren wird, spielt auch im Waldkindergarten eine Rolle. Wir lehnen uns dabei an das Buch ” Weihnachten im Stall” von Astrid Lindgren an. Die Kinder dürfen mitentscheiden, welche Figuren mitspielen dürfen in der Geschichte und so hatten wir auch schon einmal einen Frosch dabei.

” Engel?

Gesehen nie.

Gehört einiges.

Manchmal- öfter schon,

wenn’s mich gerade

so im letzten Moment zurückhält

von was, das schlimm verkehrt wär,

dann frage ich mich doch:

Ob das ein Engel war?

Oder was sonst?

Was denn?

Etwas war’s.”

Hilde Roth

Heute Nacht hat es zu schneien begonnen. Zeit für einen Spaziergang mit dem Hund durch den Deister. Hell ist es geworden und das tut gut nach dem Grau der vergangenen Tage. Ein Rotkehlchen schüttelt den Schnee von den Ästen. Der Hund sucht nach seinem Stöckchen und wir genießen die kalte, klare Luft.

Es ist in jedem Jahr wieder eine Herausforderung den Weihnachtsstress vor der Tür zu lassen. Er schleicht sich gern doch hinein mit einem noch zusätzlich angenommenen Termin oder dem Wunsch, ein perfektes Weihnachtsmenu in einem schön geschmückten Ambiente zu servieren. Von Jahr zu Jahr habe ich es reduziert auf das, was für mich wirklich wichtig und unverzichtbar ist. Eine gewisse Konsequenz ist hier unabdingbar. Als die Kinder klein waren, war mehr Fülle und mehr Glanz und auch diverse Weihnachtsfeiern mussten absolviert werden. Nun ist mehr Ruhe und Gelassenheit und die Termine  lassen Raum für Entspannung.

Winterwunschnacht

” Kalt ist’s, der Atem dampft gegen die Laternen, und über der Mütze schnuppt ein Stern quer in den Himmel.

Wünsch dir was, wünsch dir was, was keiner von uns erfüllen wird, und behalte den Wunsch für dich, damit er wachsen kann.

Und jetzt wünsch dir was, was ich erfüllen kann, und sag’s mir ins Ohr, ich will dein Wunscherfüller sein.

Da schnuppt schon wieder einer quer in den Himmel, jetzt wünsch ich mir was.

Kalt ist’s, der Atem dampft gegen die Laternen.”

Fritz Deppert

Schöne Vorweihnachtszeit!

Die Waldtochter

Tonscherben auf dem Mist, oder: Geschichte zum Anfassen.

In meinem Beitrag ” Schätze auf dem Stoppelfeld” habe ich Euch  erzählt von Keramikscherben, die die Waldkinder von Zeit zu Zeit in den Ackerfurchen am Deisterrand finden. Woher stammen sie? Und wie gelangten sie auf die Felder? Um solche Fragen zu klären, nehme ich ein Buch in die Hand um es herauszufinden. Häufig dann im Anschluß das Telefonbuch. Denn dann rufe ich jemanden an, der sich besser damit auskennt als ich. In diesem Fall eine Keramikrestauratorin, die auch eine ehemalige Waldmutter ist und aktiv das Museum in Bad Münder mitgestaltet. Vor einigen Jahren gab es dort eine Sonderausstellung ” Von Pottland in die ganze Welt”. Ich war mir sicher, sie kann uns etwas über unsere Scherben erzählen. Deshalb machte ich mich gemeinsam mit den Vorschulkindern auf den Weg in die Stadt; im Gepäck unsere Fundstücke.

Wir breiteten diese auf dem großen Museumstisch aus und Monika war begeistert. Zum größten Teil hatten wir Scherben gefunden, die von Töpferwaren aus münderscher Produktion stammten. Was Ton ist, wussten die Kinder, denn wir hatten erst vor kurzem selbst getöpfert im Waldkindergarten.

Eine der Scherben  konnte die Keramikrestauratorin sogar einem Gefäß aus dem Mittelalter, einer Art Milchschale zuordnen. Wie toll! Eine weitere entpuppte sich als Teil eines Standbeines einer sogenannten Kochgrape, dem damaligen Kochgeschirr.

Wir waren erstaunt und begeistert. Nachdem wir uns das große Wandrelief angeschaut hatten, auf dem der Fundort einer größeren Tongefäßmenge dargestellt war, gingen wir gemeinsam zum Bürgerhaus  hinüber

.

Hier handelt es sich um ein vom Museum aufgekauftes , 1752 erbautes Fachwerkhaus. Es wurde mit großer Liebe zum Detail von engagierten Museumsmitarbeitern in den Zustand um 1880 zurück versetzt, als ein Schuster mit seiner Mutter und Schwester dort lebte. Hier wollten wir dem Geheimnis der Scherben von den Feldern auf die Spur kommen.

Die Kinder konnten die alte Räucherküche mit der offenen Feuerstelle anschauen; sie erfuhren, dass auch der Stall für die Kuh mit ins Haus integriert war. Sie sahen die Schlafstube, zu der man über eine steile Treppe gelangte und sie tappten fast in das Fettnäpfchen, das unter dem aufgehängten Schinken in der Diele steht.

Richtig interessant wurde es dann auf dem Hinterhof des Hauses. Dort befindet sich das Plumpsklo über dem Misthaufen. Erstaunt stellten die Kinder fest, dass es zur Zeit des Schusters noch kein Klopapier gab und stattdessen ein Körbchen mit Heu bereit stand.

Neben dem Klo dann der Misthaufen, auf dem damals alles landete, was nicht mehr gebraucht wurde; unter anderem auch kaputte Schalen, Tassen oder Teller. Zweimal im Jahr brachte man diesen Mist mit Karren dann auf die Felder rund um die Stadt und somit war klar: wir hatten die Antwort auf unsere Frage gefunden.

Ich bin sicher: diesen Teil Geschichte unserer Stadt werden die Kinder verinnerlicht haben, denn sie war zum Anschauen und Anfassen. Sie haben auf diese Weise Gelegenheit bekommen die geschichtlichen Zusammenhänge ganz plastisch zu erfahren. So geht Geschichte, zumindest dann, wenn man noch nicht lesen und schreiben kann. Sich gemeinsam auf die Suche machen, Orte besuchen und Menschen befragen; so möchte ich den Kindern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie  Wissen über ihren Lebensraum und dessen Geschichte bekommen.

” Museum habe ich mir aber ganz anders vorgestellt”, so sagte eines der 5- jährigen Mädchen. Wie, das wollte sie nicht sagen. Vielleicht konnte sie das auch nicht, weil da ganz andere Bilder in ihrem Kopf gewesen waren und nun erstmal verknüpft werden mussten mit dem gerade Erlebten. Es ist so spannend die Kinder dabei begleiten zu dürfen. Ich freue mich schon auf unsere nächste Entdeckung und den ganz natürlichen Forscherdrang der Kinder, den ich gern unterstütze!

Eure Waldtochter

 

 

Herzlichen Glückwunsch, Frederick!

Seit 50 Jahren sammelt  “Frederick “, die kleine Feldmaus im gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni schon Sonnenstrahlen, Farben und Wörter, während seine Mäusefamilie Samen, Körner und Nüsse für den Winter sammelt. Nachdem in der alten Steinmauer, in der die Feldmäuse leben, alle Vorräte aufgebraucht sind, sorgt der kleine, verträumte Frederick dafür, dass den Mäusen trotzdem warm wird, indem er die Sonnenstrahlen, die Farben des Sommers und die gesammelten Geschichten und Gedichte in die Köpfe der Mäuse zaubert.

Ein wunderbarer Klassiker, den auch meine Waldkinder in jedem Jahr wieder gern erzählt bekommen. Begeistert spielen sie die Geschichte nach.” Ich bin Frederick!” So schlüpfen sie in die Rolle der kleinen Feldmaus, schliessen die Augen und fühlen die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut.

Frederick steht mir persönlich sehr nah… ich kann mich mit dem Naturell des Tagträumers wunderbar identifizieren. Stundenlang kann ich auf einer Wiese liegen und geniesse es, wenn   die Schatten der Wolken vor meinen geschlossenen Augen vorbei ziehen. Das sind unglaubliche Glücksmomente, die mich erden und kein Smartphone der Welt kann damit konkurrieren.

An Frederick musste ich denken, als ich gestern bei wunderbarem Sonnenschein und blauem Himmel mit den Kindern durch den Wald zog. Die goldene Farbe des Buchenlaubes, das letzte Grün der Büsche, die weissen Wölkchen….alles war wie perfekt aufeinander abgestimmt. Ein Fest der Farben.

Wir hielten an der grossen Wiese an und wendeten unsere Gesichter der Sonne zu. Sie wärmte uns und es war, als speicherten wir diese Wärme für die kalten und grauen Tage, die uns nun bald bevorstehen. Unsere Vorräte sind angelegt. Viele Erlebnisse und Waldgeschichten haben wir gesammelt für die Wintertage im Deister. Bei Kerzenschein wird dann der Erzählstein herumgereicht und ich werde wieder diese innere Gewissheit spüren, dass die Zeit im Waldkindergarten auch in der Erinnerung eine ganz besondere bleiben wird für die Kinder.

“Frederick, Du bist ja ein Dichter! ” Ich weiss, Ihr lieben Mäusegesichter…”

Ich wünsche mir, dass Frederick noch mindestens weitere 50 Jahre die Kinder begeistert und es immer Menschen gibt, die den Kindern Geschichten erzählen.

Herzlichen Glückwunsch, kleine Feldmaus!

Deine Waldtochter

Quelle:” Frederick” von Leo Lionni im Beltz-Verlag

https://www.beltz.de/kinder_jugendbuch/produkte/produkt_produktdetails/7545-frederick.html

Wo summt es denn noch?

Die Frage ist nach einer kürzlich veröffentlichten Krefelder Studie leicht zu beantworten:  es summt beängstigend selten noch in unserem Ökosystem. Vielleicht verdient es diesen Namen bald nicht mehr? 76 Prozent weniger Insekten als in einer vorangegangenen Studie von 1989. Das ist eine Hausnummer. Allerdings sind die Gründe hierfür noch nicht genügend erforscht und belegt. Ist es Glyphosat und Co? Sind es die Millionen Liter Gülle, die in die Felder, neuerdings sogar auf Wiesen , eingebracht werden? Hier bedarf es noch gründlicher Klärung, damit wir, ähnlich wie in der Klimaforschung, die Verursacher dingfest machen können. Aber hat das dem Klima etwas genutzt? Wohl eher nicht. Heute findet in Bonn wieder eine Klimakonferenz statt. Große Veränderungen zum Positiven lassen da trotz Kind beim Namen nennen auf sich warten und solange ich selbst mit dem Auto in den Wald fahre, muss ich mich da in erster Linie an meine eigene Nase fassen.

Das Beispiel von der Windschutzscheibe, die noch in den 1960er Jahren schwarz war von Insekten wird ja immer angeführt. Aber auch wir im Wald beobachten dies. Einzig das Zeckenvorkommen ist gefühlt nicht reduziert. Aber ganz klar weniger geworden sind beispielsweise die Tagfalter . Sie fliegen  uns immer seltener über den Weg.

Ganz besonders das langsame Aussterben der verschiedenen Bienenarten ist besorgniserregend. Sorgen sie doch für die Bestäubung und Erhaltung vieler Obstsorten. Werden Äpfel und Birnen bald unerschwinglich teuer , weil sie per Hand bestäubt werden müssen?

Das empfindliche Gleichgewicht in der Natur, das schon durch das Aussterben einer einzigen Spezies nachhaltig gestört wird, ist auch unser Lebensraum. Das ist uns manchmal nicht mehr ganz so klar, wie es uns sein sollte.

„ Insektozid“ nennen sie  das Insektensterben. Vermutlich wird dieser Ausdruck zum Wort des Jahres 2017 gekürt werden müssen. Wie traurig.

Da kann man mit der Kindergruppe schonmal beobachten, wie auf einer Grünfläche, auf der ab und an Schafe weiden, in großem Maße Gülle eingebracht wird. Ein LKW nach dem nächsten kam an den Waldrand gefahren.
Huckepack  große Tankbehälter mit „ Substrat“, wie es einer der Fahrer nannte. Zuvor war die Erde mit einer Art Grubber dafür vorbereitet worden. Wir sahen zu und die Kinder verlangten nach einer Erklärung. Das sind diese Momente, in denen ich Schwierigkeiten habe es plausibel zu machen. Riesige Ställe, in denen hunderte Schweine leben und deren Fäkalien ja irgendwo bleiben müssen. Wie erklären wir den Kindern das?

Etwas zu verändern ist hingegen gar nicht  so schwierig. Nur  noch die Hälfte Fleisch essen wäre ein Anfang. Wir können uns außerdem dafür stark machen, dass die Insektizide endlich verschwinden. Und wir in den Waldkindergärten leisten einen kleinen, aber sich vielleicht multiplizierenden Beitrag: den Kindern die Naturzusammenhänge nahebringen und begreifen helfen. Das ist etwas, das jeder, der mit Kindern zu tun hat, machen kann . Nur so können wir sie an den  Naturschutz heran führen. Das geht kaum durch Erklärungen oder den erhobenen Zeigefinger, sondern mehr durch Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen, die sie unmittelbar selbst machen dürfen.

Ich gebe die Hoffnung noch lange nicht auf!

Herzliche Grüße,

Eure Waldtochter

““Das Leben aller Lebewesen, seien sie nun Menschen, Tiere oder andere, ist kostbar, und alle haben dasselbe Recht  glücklich zu sein. Alles, was unseren Planeten bevölkert, die Vögel und die wilden Tiere sind unsere Gefährten. Sie sind Teil unserer Welt, wir teilen sie mit ihnen.““

Dalai Lama

 

Laterne, Laterne……

Eines der schönsten Feste im Waldkindergarten ist das Laternenfest. Vielleicht, weil die wunderbar leuchtenden Laternen besonders gut im Dunkel des Waldes wirken. Wie eine kleine Schar Glühwürmchen bewegt sich die Kindergruppe mit ihren Gästen durch den Wald und es ist eine ganz besondere Stimmung zu spüren. Ich glaube, auch Fuchs und Has‘ haben im Dickicht ihre Freude daran , wenn wir singend in der Dämmerung durch den Wald ziehen.

Nun aber heisst es erstmal Laternen  basteln. In diesem Jahr haben wir den Kindern einige Vorschläge gemacht, welche Art von Laterne sie basteln könnten. Wichtig ist uns dabei stets, dass die Kinder den größten Teil der Laterne selbst herstellen können und nur wenig Hilfestellung brauchen. Wir finden das schöner, als wenn Eltern oder Erzieher die Laterne basteln und das Kind wenig Eigenanteil daran haben darf.

Die Wahl der Kinder fiel, wie fast in jedem Jahr, auf die Luftballon-Kleister-Transparentpapier-Laterne. Wie ich finde, eine tolle Wahl, denn sie leuchten wirklich wunderschön!

Den improvisierten  Kittel aus einem Müllsack an und los gehts. Der Ballon wird aufgepustet und nun ordentlich Kleister darauf verteilen. Dann erfolgen drei bis vier Lagen kleingerissenes Transparentpapier. Gut glattstreichen und mit Kleister nicht sparen. Der erste Griff in den Kleistereimer kostet die Kinder manchmal etwas Überwindung, aber dann finden sie meist schnell Gefallen an der klebrigen Bastelei. Nun noch mit einem Namensschildchen versehen und ab über die Heizung oder den Ofen. Nach einigen Tagen wird der beklebte Ballon hart und wir schneiden das obere Drittel ab. Immer wieder finden die Kinder lustig, wenn sich dann der Ballon von den Innenwänden knisternd löst und sie ihn aus der Laterne herausholen können.

Mit Draht wird nun eine Vorrichtung geschaffen, an die der Laternenstab angebracht werden kann. In diesem Jahr gab es die Idee, diesen Draht noch mit Perlen oder kleinen Schleifchen zu schmücken. So ist eine richtige Edel-Variante unserer altbekannten Luftballonlaterne entstanden.

Wir singen im Vorfeld des Festes altbekannte oder auch neue Laternenlieder und überlegen gemeinsam, warum wir Laternenfest feiern. Da eines der Lieder vom Sankt Martin handelt, fanden wir schön, in Gedanken an ihn und seine gute Tat Lichter im Dunkeln anzuzünden und damit zu zeigen, wie schön wir es finden, bedürftigen Menschen zu helfen. So leuchten wir, sagten die Kinder, extra für den Sankt Martin und alle, die anderen Menschen helfen.

Zurück zu führen ist die Geschichte vom heiligen St. Martin auf den heiligen Martin von Tours, der Soldat der römischen Armee war. In einer kalten Winternacht soll es dann zu der legendenbildenden Begegnung zwischen ihm und einem in Lumpen gekleideten Bettler gekommen sein. Der Erzählung nach nahm er ohne zu zögern sein Schwert, teilte seinen eigenen warmen Mantel in zwei Teile und schenkte eine Hälfte dem Bettler. Später wurde er zum Bischof von Tours ernannt . Geboren wurde er 316 in Ungarn;  er starb im November 397.

Die Waldkinder spielen anlässlich des Laternenfestes diese Geschichte gern nach und schlüpfen in die Rollen von Martin, dem Bettler oder den Gänsen im Stall, die den zum Bischof berufenen mit ihrem lauten Geschnatter verrieten.

Die Laternenfeste und -umzüge zeugen noch von einer Zeit, in der es am Vortag von großen Festen häufig eine Lichterprozession gab. Es ist ein wunderbarer Brauch und wir pflegen ihn auch im Waldkindergarten, damit dem St. Martin viele bunte Lichter leuchten.

Eine schöne Laternenzeit wünscht Euch

Eure Waldtochter

 

Die magische Welt

Sicher jedem ist im Zusammenhang mit der kindlichen Entwicklung der Begriff“ Magisches Denken“ oder „ Magische Welt“ bekannt. In dem Beitrag „Amanita Muscaria- der Glücksbringer“ habe ich versprochen darauf einmal näher einzugehen.

Das Kind ist in den ersten Lebensjahren ein einziges großes Sinnesorgan. Es ist auf dem Weg Gehen, Sprechen und Lernen zu üben und auszubilden. Für diese Grundkompetenzen sind wir Erwachsenen als Begleiter unendlich wichtig. Kleine Kinder beobachten uns sehr genau und ihre wichtigste Tätigkeit überhaupt ist das Nachahmen. Sie achten nicht so sehr darauf, was wir ihnen sagen, sondern wie wir es sagen. Unsere Gestik, unsere Mimik und die Tatsache, ob wir dabei authentisch sind ist immens wichtig für die gesunde kindliche Entwicklung. Sind wir dem Kind freundlich zugewandt und nehmen uns Zeit, so ist dies der Grundstein für sein weiteres Leben. Die Inhalte unseres Sprechens haben erst viel später eine Wichtigkeit, nämlich dann, wenn sich das Kind auf den Weg zur Schule macht. Dies ist idealerweise zwischen dem sechsten und siebenten Lebensjahr der Fall.  Dann erst sind die Kinder bereit die magische Welt zu verlassen und zu lernen; sie sind allmählich sozial und emotional bereit dies zu tun. Darum finde ich es auch nicht gut , dass das Einschulungsalter immer früher angesetzt wird. Mittlerweile sind Kinder , die bis zum 30. September  sechs Jahre alt geworden sind, schulpflichtig. Sie beginnen gerade die Kompetenzen auszubilden, die für den Schulbesuch nötig sind und bekommen immer weniger Zeit dafür.Hier könnten wir Erziehenden eingreifen und unser Bestreben sollte es sein diese Fehlentwicklung wieder in eine richtige Richtung zu führen. An welcher Stelle auch immer, sei es in der Politik oder in schulischen Gremien können wir Stellung für unsere Kinder beziehen.

Die Jahre der Kindergartenzeit sind bei den Kindern geprägt vom magischen Denken. Alles was geschieht und ihnen wiederfährt, ist eng verknüpft mit ihrem inneren Seelenleben und ihrer Vorstellungskraft. Es gibt Hexen und Zauberer und das Kind ist sicher, dass es durch sein Verhalten selbst beeinflusst ob sie erscheinen. Es glaubt, der Stein sei ihm in den Schuh gelaufen, der Baum , an dem es sich den Fuß gestoßen hat , ist böse auf ihn oder es regnet, weil der Himmel weint.

Alles bezieht das Kind auf sich, weil es sich untrennbar mit der Welt verbunden fühlt. Diese Verbindung geht im Laufe der Jahre immer weiter verloren und wir Erwachsenen täten gut daran, wenn wir uns diese Fähigkeit ein wenig bewahren würden. Sicher sähe unsere Welt dann ein wenig anders aus.

Wir als Bezugspersonen, als Eltern, Erzieher, Lehrer sind der wichtigste Anker der Kinder in dieser magischen Zeit. Wir nehmen sie ernst, trösten sie, wenn sie Angst haben und ermutigen sie eigene Erfahrungen zu machen und neue Fertigkeiten zu erlernen. Unmittelbar erlebt und nicht aus zweiter Hand, wie beispielsweise durch das Fernsehen sollte dies stattfinden. Nur so kann sich die Fantasie entfalten und die Bildungs- und Gestaltungskräfte des Kindes können wirken. Hierzu ist es von Bedeutung, dass die Spielsachen oder Materialien, die dem Kind zur Verfügung stehen, möglichst „ unfertig“ sind. Also lieber Knete, ein Stück Bienenwachs , ein paar Stöckchen oder auch Bauklötze statt fertiger Spielfiguren oder Gegenstände, deren Verwendungszweck vorgegeben, eingegrenzt und eindimensional ist. Je mehr Gestaltungsspielraum das Kind hat und je mehr es sich in seinem Tun bestätigt und ermuntert fühlt, desto sicherer wird es später im Leben stehen können.

In der magischen Welt der Kinder spielen auch Märchen eine zentrale Rolle. Märchen, die wir ihnen vorlesen oder noch besser erzählen. „ Es war einmal….“ ist für die Kinder im Hier und Jetzt und passiert gerade. Alle elementaren Gefühle des Menschen werden in Märchen angesprochen. Angst , Wut, Glück, Traurigkeit… alles ist enthalten. Märchen zeigen ihnen,dass es viele Helfer in der Welt gibt ( zum Beispiel die gute Fee oder ein Tischchen , das sich von selbst deckt), dass sie nicht alleine sind und noch große Kräfte und Fähigkeiten auch in ihnen selbst stecken. Und wir brauchen keine Sorge haben, dass die Märchen beispielsweise der Gebrüder Grimm zu grausam seien für unsere Kinder. Sie selbst sehen kein Blut vor sich, wenn Rumpelstilzchen sich entzwei reißt und die Hexe, die im Ofen verbrennt, symbolisiert die Gerechtigkeit, die schlussendlich gesiegt und Hänsel und Gretel befreit hat. In dem Märchen selbst gibt es keine Ausschmückungen von Grausamkeiten, es ist die Fiktion von uns Erwachsenen, die diese Bilder hinzufügt. Kinder spüren aber diese zusätzlichen Spannungen, die wir in die Erzählungen hineintragen.

Kinder dürfen auch mal Ängste haben. Dies ist von großer Bedeutung für ihre Entwicklung. Wichtig ist nur, dass wir sie in ihren Ängsten ernst nehmen und für sie da sind, um sie zu halten und sie zu trösten, bis es wieder heller wird. Hiermit erwecken wir ein Urvertrauen in ihnen, das ihnen helfen wird, Mensch zu werden.

Herzlichst,

Eure Waldtochter

 

 

„Wir wünschen: „ Gute Sohlen“ !

Die Herbststürme im Deister beginnen und begleiten auch  die Waldkindergartengruppe. Solange die Temperaturen noch recht mild sind, gehen wir aber nicht in unseren Sturmraum in der Stadt, sondern besuchen unsere „Gute Stube“, den sogenannten „ Langen Grund“. Dies ist eine Talsenke , über die der Wind hinweg fegt. Ein steiler Fußweg führt dort hinunter und die Kinder laufen flott von Haltepunkt zu Haltepunkt. Dort sammelt sich die Gruppe jeweils, um auf die jüngeren Kinder zu warten. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, dass dort unten fast völlige Windstille herrscht. Wir stehen dann und lauschen staunend, wie der Sturm oben auf dem Berg laut tost wie das Meer. 

Ein spannender Platz auch deshalb, weil es dort ein „Hexenhaus“ gibt, das die Fantasie der Kinder anregt und sie auch ein wenig schaudern lässt. Der einzige Bewohner des kleinen, roten Backsteinhäuschens ist aber  keine Hexe, sondern ein Uhu, der es sich im Giebel gemütlich gemacht hat. Vor einigen Jahren, als wir nicht wussten, wer da wohnt, waren wir nicht leise und vorsichtig genug herangegangen an das Häuschen. Wie erschraken wir, als da plötzlich dieser große Vogel mit der imposanten Flügelspannweite herausgeflogen kam, dicht über unsere Köpfe flog und im Wald verschwand.

Außerdem kann man im  „Langen Grund“ an der Fohlenwiese ein wunderbares Echo erzeugen und so schallt es „„Haaaallooo!“ oder  „Eeechooo!“ durch das Tal. Gespannt lauschen wir dann auf die Antwort vom Berg her und werden nicht enttäuscht.

In dieser stürmischen Woche nun hatten wir es uns zum Frühstücken dort unten gemütlich gemacht, als ich unten, am Grund der Talsohle eine rote Hose durch die Bäume leuchten sah. Ein einzelner Wanderer kam des Weges. Nach einigen Minuten hatte er uns erreicht und die Kinder begrüssten ihn freundlich. Wir erfuhren, dass der Wanderer Thomas heisst und dabei ist sich einen Traum zu erfüllen. Er erwandert den Fernwanderweg E1, der vom Nordkap bis hinunter nach Sizilien führt. Die 7000 Kilometer Fußweg möchte er in einem Jahr bewältigen und ist seit Mai diesen Jahres unterwegs. Am Anfang stand eine Fahrt mit den Hurtigruten und nun war er mittlerweile bei uns im Deister angekommen.

Sein nächstes Etappenziel sei Hameln, verriet er uns. Wir hatten viele Fragen an ihn: „Wo schläfst Du denn?“ „ Tun Deine Füße nicht weh?“ „Wie schwer ist Dein Rucksack?“ Bereitwillig beantwortete Thomas alle Fragen  und als ich erwähnte, dass ich auch gern einmal eine längere Wanderung machen würde und mir dies für die Zeit nach dem Berufsleben vorgenommen habe, musste er lachen. Das höre er so oft, sagte er. Alle möchten ihre Träume erst verwirklichen, wenn sie im Rentenalter sind. Aber sind wir dann alle körperlich noch fit genug? Wäre es nicht sinnvoller, jetzt und gleich eine Auszeit zu nehmen und einfach loszuwandern? Wir alle haben unsere Verpflichtungen oder  Zwänge, die wir uns selbst auferlegt haben. Sie hindern uns daran, eine solche Unternehmung zu planen und durchzuführen. Denn einfach eben mal loswandern geht ja auch nicht, da gibt es im Vorfeld einiges vorzubereiten. Fasziniert hörten wir Thomas‘ Erzählungen. Die vergangene Nacht hatte er in einer Wanderhütte unweit des „ Langen Grundes“ verbracht und war froh, dass das Dach dicht war, als Regen einsetzte. Bestimmt eine Herausforderung, sich so zu reduzieren. Viele Stunden allein unterwegs und sicher auch oft mal Hunger und einen schmerzenden Rücken aushalten müssen. Aber sicherlich entschädigt häufig auch die Landschaft, durch die er wandert oder die freundlichen Menschen, die ihm eine Jacke schenken oder ein Bett für die Nacht anbieten.

Wir haben uns sehr gefreut Thomas kennenzulernen und  wünschen ihm, dass sich sein Traum erfüllt und er gut in Italien ankommt. Er schreibt einen Blog mit seinen Wandererlebnissen als eine Art Tagebuch. So kann man ihn ein wenig begleiten auf seinem Weg. Einen Gruß für Wanderer hat er sich selbst einfallen lassen und so wünschen wir Thomas für seinen weiteren Weg:

„ Gute Sohlen!“

Haltet Euch gut fest in diesen stürmischen Herbsttagen!

Eure Waldtochter

Hier noch der Link zu Thomas‘ Blog zum Lesen und Weiterverteilen:

http://e1-traum.de/